Wochenimpuls: Branjewo
01.12.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
am Montag letzter Woche feierten wir in Schwabenheim in einem abendlichen Gottesdienst das Fest der heiligen Katharina von Alexandrien, der Patronin der dortigen Kapelle. Bei der Vorbereitung des Gottesdienstes musste ich an ein Ereignis denken, das am 31. Mai dieses Jahres im polnischen Branjewo stattfand. In der Mitte dieser Stadt, die bis 1945 Braunsberg hieß, liegt die mächtige Katharinenkirche, eindrucksvolles Zeugnis der Backsteingotik.
Und gleich daneben befindet sich das Kloster der Katharinenschwestern, die dort 1571 von der seligen Regina Protmann (1552-1613) gegründet wurden. Von Anfang an widmeten sich die Schwestern der Pflege von Alten und Kranken sowie der Erziehung und Bildung von Mädchen. Am 31. Mai wurden auf dem Platz vor der Katharinenkirche 15 Märtyrerinnen aus ihren Reihen gleichzeitig seliggesprochen.
Was war der Grund für diese besondere Seligsprechung? Dazu muss man 80 Jahren zurückgehen, als Branjewo noch Braunsberg hieß. Am 22. Januar 1945 marschierte die Rote Armee ein in das Gebiet von Ermland und Masuren ein. Unter den zahllosen Menschen, die getötet wurden, waren auch insgesamt 105 Katharinenschwestern, die erschossen, erschlagen, misshandelt, vergewaltigt und verschleppt wurden.
In den letzten Jahren wurden für 15 von ihnen Zeugenaussagen und Zeugnisse der Einwohner von Braunsberg gesammelt. So konnten lebendige Bilder dieser Schwestern nachgezeichnet werden, die stellvertretend für alle 105 Katharinenschwestern stehen, die ihr Leben verloren haben.
Lebensschicksale wie diese berühren mich, gerade in Zeiten, in denen es oft um Äußerlichkeiten geht, um Selbstoptimierung oder wirtschaftlichen Nutzen. Und ich frage mich, ob ich selbst die Kraft und den Mut hätte, in größter Gefahr einzustehen für meine Werte und Überzeugungen. Ich weiß es nicht. Für mich bleibt daher das Zeugnis dieser Seligen Provokation und Stachel zugleich.
Der Termin der Seligsprechung in Branjewo wurde in die Nähe des 8. Mai gelegt, und damit in die Nähe des Tages, an dem sich diesmal das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 80. Mal jährte. Ich bin immer neu über das Ausmaß der Vernichtung entsetzt, die mit dem Zweiten Weltkrieg einhergegangen ist. Ab einem bestimmten Punkt in diesem Krieg waren blutige Rachetaten auf allen Seiten traurige Realität. Und das traf auch die Katharinenschwestern damals.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee entschieden sie sich bei den Menschen in den Krankenhäusern, den Waisenkindern und Alten zu bleiben. Viele beschafften auf der Straße Lebensmittel und versuchten, die Schwachen zu bewahren vor Misshandlung und Vergewaltigung durch sowjetische Soldaten. Irgendwann drängte die Kirchenleitung die Schwestern zur Flucht.
Doch sie harrten aus – für diejenigen, zu denen sie sich bestellt sahen. Dass sie bei den Ärmsten geblieben sind, dafür haben die Schwestern mit ihrem Leben bezahlt. Was mich überraschte war, dass trotz ihres caritativen Tuns zur Seligsprechung gerade einmal 6000 Menschen in Branjewo zusammenkamen, wo man doch bei anderen Selig- oder Heiligsprechungen oft schon an die 100.000 Menschen zählte.
Lag es daran, dass für die heute polnische Bevölkerung diese „deutsche Geschichte“ – denn die Schwestern waren ja Deutsche – zu weit im Dunkeln der Geschichte lag? Aber auch in den deutschen Medien fand die Seligsprechung kaum eine Resonanz. Vielleicht wollte man den Eindruck vermeiden, durch die Erinnerung an das Leid der eigenen deutschen Bevölkerung das Leid aufrechnen zu wollen, das Deutsche damals den Polen und Russen zugefügt hatten.
Und auch von polnischer Seite wurde weder während der Zeremonie noch in der polnischen Presse erwähnt, dass es sich um deutsche Märtyrerinnen handelte. Die Seligsprechung der 15 Katharinenschwestern zeigt, wie schwer es auch 80 Jahre später noch ist, gemeinsam an die Gräuel des Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Die tiefen Wunden sind offenbar noch nicht verheilt. Das Gedenken zwischen Völkern kann und darf nicht halbiert werden. Die ermordeten deutschen Katharinenschwestern stehen stellvertretend für die Menschen unterschiedlicher Volksgruppen, die damals gefoltert, ermordet oder verschleppt wurden.
Jeder Mensch, der unschuldig um sein Leben gebracht wird, verdient es betrauert zu werden. Es schmerzt, dass es noch immer an Wegen fehlt, gemeinsam über die Millionen von Kriegstoten zu trauern und den gegenseitigen Willen zur Versöhnung zu bekräftigen. Daher möchte ich an dieser Stelle an den wahrlich historischen Brief der polnischen Bischöfe vom November 1965 erinnern. Mit versöhnlichen Worten schrieben die polnischen Bischöfe 20 Jahre nach Weltkriegsende und mitten im „Kalten Krieg“ ihren deutschen Amtsbrüdern: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“
Mit dem von ihnen eingeleiteten Briefwechsel hatten die Kirchen damals die Voraussetzungen und die Grundlage für einen neuen Dialog der Politiker beider Länder und für die spätere Aussöhnung der Völker geschaffen.
Inzwischen sind 80 Jahre vergangen. Angesichts der Kriegsverbrechen, die jetzt an unterschiedlichen Orten dieser Welt stattfinden, darf kein Schlussstrich unter die Verbrechen der Vergangenheit gezogen werden. Weil die Erfahrungen der Kriegsgeneration auch in das Bewusstsein der nachfolgenden Generationen übergehen, müssen wir erinnern und die Vergangenheit aufarbeiten. Weder die Opfer noch die Täter der Geschichte dürfen vergessen werden. Daher mahnt mich die Seligsprechung in Anbetracht der Verbrechen im aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine, nicht wegzuschauen, sondern weiter nach Wegen zum Frieden und zur Versöhnung zu suchen.
Ihr Pfarrer Ronny Baier