Wochenimpuls: Der sechste Sinn
05.01.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
Neujahr war für viele der Tag zum Ausschlafen nach Silvester. Für andere der Tag für die guten Vorsätze. Was will ich im Neuen Jahr anders machen? Rauchen aufgeben, jeden Tag tausend Schritte, auf Alkohol verzichten. Oder nach Pfadfinderart jeden Tag eine gute Tat?!
Selbstredend, dass persönliche Vorsätze gut sind; sie funktionieren aber nur, wenn man sie organisiert und kontrolliert. Wer im Januar auf Alkohol verzichten möchte, soll also heute noch einen Kasten alkoholfreies Bier besorgen, um sich langsam umzugewöhnen. Wer als Mann vorhat, mehr im Haushalt mitzuhelfen, kann ja gleich mit dem Bier auch Toilettenreiniger einkaufen. Und vielleicht noch einen neuen Wischmopp.
Ein Vorsatz könnte aber auch sein, sich mehr fürs Miteinander einzusetzen. Unlängst bekam ich ein Buch geschenkt, das im Herbst 2024 erschienen ist. Geschrieben haben es Aleida Assmann und ihr vor kurzem verstorbener Ehemann Jan Assmann. Sie gaben diesem Buch den Titel "Gemeinsinn. Der sechste soziale Sinn“. Jeder Mensch hat also diese Fähigkeit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.
Gemeinsinn, so das Ehepaar Assmann, ist nicht nur moralisch gut, sondern für unsere Demokratie lebensnotwendig. Um dies zu erklären, gehen sie von der berühmten These des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde aus, welcher dieser schon 1964 formuliert hat. Sie lautet: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Wie sehen diese Voraussetzungen nun aus.
Noch einmal Böckenförde: "Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art 'Gemeinsinn' bei denen, die in diesem Staat leben". Nötig für unsere Demokratie ist also gelebte Kultur der Solidarität, des Mitgefühls, des Respektes.
Ein guter Vorsatz für das neue Jahr ist es, den sechsten Sinn zu beleben den Gemeinsinn. Das Buch bringt auch praktische Beispiele, etwa die Tafeln die Lebensmittel verteilen. Oder die Stolpersteine in vielen Ländern, die an Opfer der NS-Diktatur erinnern. Oder Bürgerinitiativen, die zum Beispiel ein Freibad erhalten, das die Kommune nicht mehr finanzieren kann. Vieles, das wir auch bei uns finden können und auf das die daran beteiligten Menschen stolz sein können. Gemeinsam statt einsam. So könnte ein guter Vorsatz fürs neue Jahr sein, zu schauen, wo ich mich in Besuchsdienste, Mittagstische, Nachbarschaftshilfen… einbringen könnte oder auch ähnliche Initiativen vor Ort mit aufzubauen. All das befördert den sechsten Sinn, den Gemeinsinn, ohne den unsere Demokratie nicht überleben kann.
Ihr Ronny Baier