Wochenimpuls: Er bringt wirklich das Recht

13.01.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
 
diesen Satz konnten katholische Christen am vergangenen Sonntag in der Messe hören. Er stammt aus der ersten Lesung zum Fest der Taufe Jesu. Der US-Vizepräsident J.D. Vance gibt sich als strenggläubiger Katholik, weshalb ich einmal davon ausgehe, dass auch er im Gottesdienst saß und die Texte aus der Bibel hörte, die weltweit zur sogenannten Leseordnung der katholischen Kirche gehören. 

Da ist zunächst die Lesung aus dem Prophetenbuch Jesaja aus dem Alten Testament: „Siehe, (…) das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. (…) Er bringt den Nationen das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht (…) Das geknickte Rohr zerbricht er nicht; ja, er bringt wirklich das Recht.“ (Jesaja 42,5a.1–4.6–7)
Und folgte in der zweiten Lesung aus einer großen Rede, die in der Apostelgeschichte zu finden ist: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott (…) in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apostelgeschichte 10, 34–38)
Tja – und hoffentlich hat dann auch der US-Vizepräsident darüber nachgedacht, dass es in diesen Lesungen nicht nur ums Recht geht, sondern auch um Gerechtigkeit. „Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“, sagt Jesus im dann folgenden Evangeliumstext (Matthäus 3, 13–17), während er sich klein macht und von Johannes im Jordan taufen lässt. 
Nun, ich weiß natürlich nicht, ob J.D. Vance wirklich diese Lesungen hörte und auch nicht, was er sich dabei dachte. Aber in diesem noch neuen Jahr 2026 steht das Thema Gerechtigkeit massiv im Raum. Nicht nur im Gottesdienst innerhalb eines Kirchenraums. Denn: Was die US-Regierung in Venezuela gemacht hat: War das gerecht? 
Den Präsidenten einfach so zu kidnappen – selbst wenn der ein korrupter Autokrat war?! – So was war schon immer schwierig. Bei Iraks Diktator Saddam Hussein hatte die US-Regierung zumindest noch versucht, sich vor der Weltöffentlichkeit zur rechtfertigen. Im Sinne des Völkerrechts war das damals nämlich auch nicht. Und jetzt, bei Nicolas Maduro hält es die Trump-Regierung noch nicht mal für nötig, sich irgendwie zu erklären. Das Recht, welches da gesprochen hat, das war schlicht und einfach das kaltblütige Recht des Stärkeren. 
Er schreit nicht und lärmt nicht“? „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht“? ... was in Venezuela passiert ist, war etwas ganz anderes. Und was die USA da gemacht haben, das kann in diesem Jahr noch viel bedeuten – etwas für die Ukraine, aber auch für Taiwan. Mir fröstelt es vor den aufkommenden Zeiten.  Und ich ertappe mich dabei, dass ich mir mehr christliche Politiker vom alten Schlag wünsche. Politiker, welche um des Rechts der Schwächeren willen auch Grenzen kennen. 
Einer, der sicher mit allen Wassern des politischen Spiels gewaschen war, der wäre Anfang letzter Woche 150 Jahre alt geworden: Konrad Adenauer. Er war sicher kein Heiliger. Aber: seinen christlichen Kompass hatte Adenauer fest. Auch weil er selbst die Gräuel einer Diktatur erlebt hat, die das Recht beugt, wie sie will. 
In seiner Weihnachtsansprache 1958 sagte er: „Das Recht war auf die Dauer immer stärker als die Gewalt und wird es auch in Zukunft sein.“ Ich will hoffen, dass er damit Recht hat. Dass das nicht „Geschwätz von gestern“ ist, sondern, dass auch weiterhin Politik nach den Spielregeln von Recht und Gerechtigkeit passiert. 
Und ich wünsche mir, dass Adenauer unrecht hatte, mit einem anderen berühmten Ausspruch, den er natürlich – rheinisch-katholisch – so halbernst meinte: „Ich habe seit vielen Jahren immer gesagt, Gott ist eigentlich ungerecht gewesen; er hat der menschlichen Dummheit keine Schranken gesetzt, wohl aber der menschlichen Klugheit.“
 
Ihr Ronny Baier