Wochenimpuls: 80 Jahre Vereinte Nationen

25.01.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
am 10. Januar 1946 trafen sich 51 Staaten in London zur ersten Vollversammlung der Vereinten Nationen, der UNO. Als Ort für das Treffen wählte man eine methodistische Kirche: die Methodist Central Hall in Westminster, direkt am Parliament Square.  
Ich sehe darin, dass sich die Staaten ausgerechnet in einem Sakralen Gebäude getroffen haben, ein Symbol: Direkt nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs setzt die Menschheit auf einen Neuanfang mit der Hoffnung auf Frieden.  

Achtzig Jahre später erinnern sich vergleichsweise wenig Menschen an dieses Ereignis. Haben Sie bspw. am 10.1. innegehalten und sich der Gründung der Vereinten Nationen erinnert? Und was hat sich in diesen achtzig Jahren wirklich geändert? 
Die Welt ist noch immer zerrissen: Kriege, Krisen, neue Unsicherheit. Wie hält man an der Idee vom Frieden fest, wenn die täglichen Nachrichten voll von Gewalt sind? Die Vereinten Nationen geben eine Antwort: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Er entsteht nicht von allein. Er braucht Menschen, die täglich dafür arbeiten – im Großen, aber auch im Kleinen.
 Ein uraltes biblisches Bild gibt mir bis heute Kraft dazu. Es findet sich im Buch Jesaja, im 2. Kapitel: „Sie schmieden aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk.“ (Gute-Nachricht-Bibel) 
Dieser Text findet sich auch auf der „Isaiah Wall“ im Ralph Bunche Park, direkt gegenüber dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Der Park ist benannt nach dem ersten afro-amerikanischen Nobelpreisträger. In diesem Park findet sich auch eine Bronze-Skulptur von Jewgeni Wutschetitsch, ein Mann, der gerade ein Schwert in einen Pflug umschmiedet. Ein Fingerzeig; aus Waffen können Werkzeuge für das Leben werden.
Die Vereinten Nationen sind 1946 aus der Erfahrung von tiefem Leid und zerstörerischem Krieg entstanden. Ihre Charta verspricht, kommende Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Sie bekennt sich zur Würde jedes Menschen und setzt auf Regeln, damit Gerechtigkeit und Recht nicht nur schöne Worte bleiben. Künftig sollen Konflikte nicht mehr mit Gewalt, sondern mit Worten und Verhandlungen gelöst werden.
Leider scheitert dieser Versuch immer wieder. Die UNO konnte viele Kriege nicht verhindern, Resolutionen bleiben immer wieder folgenlos, Vetos einzelner Staaten blockieren wichtige Entscheidungen, Unrecht geschieht weiter. Und doch lebt in dieser unvollkommenen Organisation die auch zwei Weltkriegen gewonnene Einsicht: Wir dürfen unsere Konflikte nicht mehr mit Waffen austragen. Das ist eine Form von Umkehr, geboren aus den Schmerzen der Vergangenheit.
Jesajas Bild ist eine Hoffnung. Gott stiftet Frieden – tiefer als alle Abkommen und Verträge. Auch wenn er allein Frieden stiftet, wie ihn die Welt nicht geben kann, so ist es doch an uns, diese Hoffnung auf den umfassenden Frieden lebendig zu halten. Wir haben so viele Möglichkeiten „Schwerter“ umzuschmieden. Etwa mit einer versöhnlichen Geste. Mit fairen und respektvollen Worten. Mit dem Engagement für Menschenrechte und für friedliche Lösungen, wo immer wir sie brauchen. Die Erinnerung an die erste UN-Vollversammlung 1946 ermutigt mich: Bleibt auch vieles ungelöst und zerbrechlich, ist doch mancher Friede möglich geworden. Die Friedensvision des Propheten Jesaja und der Leitgedanke der UN laden uns ein, auch in diesen unübersichtlichen Zeiten Wege zum Frieden zu suchen und Werkzeuge des Friedens werden. Ich will an der Hoffnung festhalten, dass auch aus kleinen Schritten Großes entstehen kann.
 
Ihr Ronny Baier