Wochenimpuls: A-bopa

03.02.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser, 
vergangenen Dienstag war der Holocaust-Gedenktag, und der hat mich wieder zu einem Buch in einem meiner zahlreichen Bücheregale greifen lassen, das den Titel Unruhe um einen Friedfertigen trägt.
Oskar Maria Graf hat diesen Roman 1947 geschrieben und beschreibt darin das Klima, in dem Täter gedeihen. Er schreibt über ein Gift, das in der Zeit zwischen zwei Weltkriegen langsam in eine Dorfgemeinschaft einsickert.

Die Hauptfigur des Romans ist Julius Kraus – eigentlich Juljewitsch Krasnitzki. Als Jugendlicher entkommt der Jude 1905 einem Pogrom in Odessa, bei dem seine ganze Familie ermordet wird. Er flieht mit dem in den Mantel eingenähten Familienschmuck Richtung Westen, verliert unterwegs seinen Namen, seine jüdische Herkunft, ja fast sich selbst. Er wird Julius Kraus, heiratet, gründet eine Familie, verliert sie wieder und lebt schließlich als Schuster in dem fiktiven kleinen oberbayerischen Dorf Auffing. Kraus ist ein Mann, der begreiflicherweise nichts weiter möchte als seine Ruhe.
Anfangs wirkt Auffing wie ein Schutzraum. Die Menschen sind grob, aber nicht grausam. Der Pfarrer des Ortes ist altersmild, der Krämerladen das Nachrichtenportal der Zeit. Selbst ein uneheliches Kind, dessen Vater ein russischer Kriegsgefangener ist, wird achselzuckend integriert. Alles scheint erträglich, bis es das nicht mehr ist.
Der Roman umfasst die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten und er zeigt, wie sich dessen Ideologie in den Alltag der Menschen frisst. Er zeigt, wie aus Stammtischgerede Hass wird, aus Unsicherheit Ideologie, aus „Das geht mich nichts an“ ein stilles Einverständnis. 
Der Schuster Kraus hat dafür ein Wort erfunden: „A-bopa“. Es steht für die vergiftete Luft unruhiger Zeiten: für Denunziation, Spaltung, das langsame Verschwinden von Mitgefühl, für Gewalt und Totschlag. Julius Kraus ist kein Widerstandskämpfer. Er glaubt an Ordnung, an Vernunft, an das Sich-Heraushalten. 
Als seine jüdische Herkunft bekannt wird, halten viele im Dorf noch zu ihm – aber sie tun nichts. Gottergebenheit ersetzt Haltung. Jeder bleibt bei sich. Gerade darin liegt die Aktualität dieses Romans. 
Graf beschreibt nicht die großen Aufmärsche in München und Nürnberg, sondern die abgelegene bayerische Provinz. Nicht das Gebrüll, sondern umgekehrt das Schweigen. Er zeigt, wie Nationalismus nicht durch fanatische Überzeugung siegt, sondern durch Bequemlichkeit und Wegsehen. Mich erinnert das an die Antwort Kains im Alten Testament. Nachdem dieser von Gott nach seinem Bruder Abel gefragt wurde, den Kain kurz zuvor erschlagen hatte, antwortet er Gott: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ 
Auch christlicher Sicht kann unsre Antwort nur „Ja“ lauten. Der Roman von Oskar Maria Graf ist letztes Jahr verfilmt worden. Der Zweiteiler „Sturm kommt auf“ ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen. Vielleicht schauen Sie ihn einmal an. Mir helfen Geschichten, wie die von Julius Kraus zu begreifen, dass das Böse nicht nur aus Fanatikern und brutalen Schlägern besteht. 
Es gedeiht gerade auch dadurch, dass Menschen hoffen, es werde schon nicht so schlimm kommen. Dadurch, dass Menschen sich heraushalten. Aber das ist keine Option. Nicht am Holocaustgedenktag und auch nicht an jedem anderen Tag. Es ist Gott zuwider, wenn ich einfach so tue, als ob ich nicht mitkriege, was nebenan oder in der Welt passiert. Es gilt sich gegen das „A-bopa“ dieser Zeit zu wappnen und zu immunisieren, in dem ich zum Hüter, zur Hüterin meiner Nächsten werde.
 
Ihr Ronny Baier