Wochenimpuls: Vor 120 Jahren

09.02.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
die meisten kennen diese Worte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Sie stammen vom evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der am 4. Februar vor 120 Jahren in Breslau geboren wurde. Er schrieb diese Worte kurz vor Weihnachten 1944 aus der Haft an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Am 09. April 1945 wird er von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Sie wollten damit verhindern, dass er an einem freien Nachkriegsdeutschland mitarbeiten kann. Anfang der 1930er Jahre kommt Bonhoeffer in Konflikt mit den Nationalsozialisten und setzt sich für Menschen jüdischen Glaubens ein.
Auch das Unheil des 2. Weltkrieges sieht er schon früh heraufziehen. Als Jugendsekretär beim „Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen“ sagt er Im August 1934 auf der dänischen Nordseeinsel Fanø bei einer ökumenischen Tagung über den Frieden:
Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist? … Der einzelne Christ kann das nicht – er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten (…) Das ökumenische Konzil ist versammelt, es kann diesen radikalen Ruf zum Frieden an die Christusgläubigen ausgehen lassen. (…) Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Misstrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden – worauf warten wir noch? Wollen wir selbst mitschuldig werden, wie nie zuvor?“ (Christian Gremmels, Eberhard Bethge, Wolfgang Huber u.a., Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 13 London 1933-1935, Gütersloher Verlagshaus, 1994, S. 298-301)
Leider wird Bonhoeffers Ruf nicht gehört. Etwa 1938 schließt er sich dem so genannten militärischen Widerstand gegen Hitler an. Diese Gruppe plant, Hitler durch ein Attentat zu stoppen. Bonhoeffer ist klar, dass er als Christ schuldig wird – ob er dem Bösen wehrt oder nicht. Denn: Die Welt versinkt im Krieg und das nationalsozialistische Regime organisiert den millionenfachen Völkermord an den europäischen Juden und anderen Volksgruppen. Schließlich wird Bonhoeffer verhaftet. Am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem Scheitern des Attentats auf Hitler schreibt er: Man lernt erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben. (…)  und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, –  dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, (…) und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr und so wird man ein Mensch, ein Christ. (Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8 Widerstand und Ergebung, Gütersloher Verlagshaus 1998, S. 542f.)
Für Bonhoeffer ist klar: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist und ihnen dient. Christsein heißt: Mit Gott und den Menschen mitleiden. Hier auf Erden. Und doch ist Bonhoeffer getröstet den letzten Weg gegangen, in eine Zukunft, die versprochen ist und doch nicht beschreibbar… „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ So soll er dem britischen Mitgefangenen Payne Best gesagt haben, als er zur Hinrichtung abgeholt wurde. Dietrich Bonhoeffer: Im Glauben wie im Sterben ein ganz besonderer Mensch. Ich frage mich: Wie groß ist mein Glaube, wie groß ist mein Mut, wenn Widerstand hier und heute miteinander gefordert ist?
 
 Ihr Ronny Baier