Wochenimpuls: Karneval

17.02.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
Fastnacht, Fasching, Karneval – sie kommen am Aschermittwoch an ihr Ende. Doch in den Tagen davor zogen durch viele Städte wieder laute und bunte „Großdemonstrationen“. Tausendfach wurde mit Masken und Kostümen gegen das Vermummungsverbot verstoßen.

Lautstark wurde von den Narren - unterstützt von satirischen Festwagen - zu politischen und gesellschaftlichen Themen Stellung bezogen. Und der Grund hierfür liegt gerade im Rheinland in der Geschichte des Karnevals. Einer der Mächtigen, der in dieser Region von den Narren mit Spott überzogen wurde, war Napoleon Bonaparte. 
Als er das Rheinland besetzt hatte, ließ er kurzerhand alle Aktivitäten rund um die Fastnacht verbieten. Als später das Verbot wieder aufgehoben wurde, entwickelte sich der Karneval zum offenen Protest gegen die Besatzer. Und daran änderte sich auch nichts, als die Preußen den Franzosen folgten. Bis heute erinnern die Uniformen der zahlreichen Garden an die verspotteten fremden Soldaten.
Und dass karnevalistische Kritik auch wehtun kann, zeigt der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly, der seit vielen Jahren Karnevalswagen baut. Seit 2022 hat er sich dabei mit dem Kriegstreiber Putin auseinandergesetzt. 
Einmal badete Putin in einer mit Blut gefüllten blau-gelben Wanne. Ein anderes Mal zeigte Tilly ihn mit weit aufgerissenem Maul, bereit die Ukraine zu verschlingen. Und die Aufschrift: Erstick daran. 
Oder: Putin schüttelt mit Donald Trump die Hand und zerquetscht dabei den blutenden ukrainischen Präsidenten. Die Aufschrift hier: Hitler-Stalin-Pakt 2.0 
Wen wundert es, dass all das dem Düsseldorfer Künstler in Russland ein Strafverfahren einbrachte. Man warf ihm vor, die russische Armee und ihren Oberbefehlshaber zu beleidigen und mit seinen Falschdarstellungen politischen Hass zu verbreiten.
Auch wenn Tills sich gelassen gibt, so hat sein Tun Konsequenzen. Er kann nicht mehr nach Russland reisen und ebenso wenig in Länder, die ein Auslieferungsabkommen mit Russland haben. Karneval feiern in Zeiten des Krieges? Jacques Tilly zeigt mir, wie wichtig das ist.
Seine Botschaft gegen den Krieg und die Verantwortlichen tut weh, sonst gäbe es kein Strafverfahren. Der Humor ist eine wunderbare Waffe. Gewaltfrei. Souverän. Und wirksam. Was gibt es Schlimmeres für einen machtgeilen Herrscher, als wenn er in aller Öffentlichkeit lächerlich dasteht?
Die Wurzeln närrischen Protestes reichen weit in die Vergangenheit. Schon 1494 erschien zur Fastnachtszeit in Basel ein Buch mit dem Titel „Das Narrenschiff“. Diese Verspottung der menschlichen Schwächen und Laster wurde zum Bestseller. Auf über hundert Holzschnitten wurden sie gezeigt, die Habgierigen, Prahlhänse und Ehebrecher. Alle wurden sie als närrische Besatzung eines Schiffes vorgeführt, das geradewegs Kurs auf die Hölle nimmt. Jeder, der dieses Buch las, sollte sich warnen lassen: Pass auf, dass du nicht selbst zum Narren wirst und zum Teufel fährst!
Es geht letztlich um das Verhalten im Alltag. Die Karnevalsnarren kostümieren sich und bauen Narrenschiffe aus Pappmaché, um den wahren Narren den Spiegel vorzuhalten. Diesen Spiegel braucht es gerade in Kriegszeiten: 
Ein Narr ist, wer einen grausamen Krieg beginnt und ihn als „militärische Spezialoperation“ verkauft. Ein Narr ist, wer sich anmaßt, dass mächtige Länder über ihre Nachbarn herrschen dürfen. Ein Narr ist aber auch, wer Terror als legitimen politischen Widerstand verkauft. Und ein Narr ist auch, wer die Bevölkerung der Nachbarn drangsaliert und meint, so könne es Frieden geben. Und erst recht, wer seine eigene Bevölkerung klein hält und auf Menschen schießt, die demonstrieren. Egal ob in der Ukraine, in Gaza, im Westjordanland, in den USA oder im Iran. Und wer seine Geltungssucht und Gier als Krieg gegen die Drogen verkauft, ist ebenfalls nichts anderes als ein Narr. 
Auch wenn sich Autokraten und skrupellose Geschäftemacher durch den Karneval wohl nicht zur Vernunft bringen lassen, können wir ihnen doch zeigen: Wir lassen uns nicht zum Narren halten und überlassen diese Welt nicht den grausamen Narren. Wir halten ihnen den Spiegel vor, weil uns das Leben teuer ist und immer besser als der Tod. Das ist die Hoffnung des Karneval und der beginnenden Fastenzeit. Und das ist letztlich auch die Gewissheit von Ostern.
 
Ihr Ronny Baier