Wochenimpuls: Vor 35 Jahren

03.03.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
ich kann mich noch gut an den 31. März 1991 erinnern. Was da geschah? Die Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts beschlossen, denselben aufzuheben, was am 1. Juli desselben Jahres dann auch offiziell geschah. Viele in Europa dachten damals, dass damit der Kalte Krieg endgültig vorbei sei. Denn der Eiserne Vorhang war weg: „Glasnost“ und „Perestroika“ waren die bestimmenden Worte: „Offenheit“ und „Umgestaltung“.

Damit hatte wenige Jahre zuvor Michail Gorbatschow bereits einen Reformprozess der Sowjetunion in Gang gebracht, den „Wind of Change“, dem die Gruppe „Scorpions“ einen berühmten Song widmeten. Deutschland konnte sich wieder vereinigen, und die Sowjetunion löste sich schließlich auf.
Mit dem KSE-Vertrag 1989 konnte man bis zum Ende der 1990er Jahre in großem Umfang die konventionellen Waffensysteme in West- und Osteuropa reduzieren. 1994 verließen schließlich die letzten, nunmehr russischen Truppen das wiedervereinigte Deutschland. Alle glaubten an eine mögliche Friedensära.
Für mich als Theologiestudent beschrieb diese Stimmung vor 35 Jahren ein Vers aus dem Buch der Psalmen. Auch wenn es oftmals schwierig ist, diese über 2500 Jahre alten Texte auf die Gegenwart anzuwenden, schien mir vor 35 Jahren der folgende Psalmvers genau zu passen: „Als der Herr das Geschick Zions wendete, da waren wir wie Träumende. Da füllte sich unser Mund mit Lachen und unsere Zunge mit Jubel.“ (Ps 126,1)
Mit diesen Worten war vor 2500 Jahren auch eine politische Wende gemeint. Es endete Israel Exil in Babylon. Die Israeliten waren wie Träumende und jubelten, weil sie in die Freiheit und damit in ihre Heimat zurückkehren konnten. 
Und vor 35 Jahren beim Ende des Warschauer Paktes, da war das auch wie ein Traum, der wahrgeworden war voller Freude und Optimismus. Doch was ist aus diesem Optimismus geworden?
Unter anderem auch, weil sich die NATO damals nicht auflöste und ihr nach und nach - außer Russland, dem Nachfolgestaat der UdSSR - alle Gründungsstaaten des Warschauer Paktes beitraten und dazu die drei ehemaligen Sowjetrepubliken Lettland, Estland und Litauen, wuchs das russische Misstrauen und die Saat eines neuen Kalten Krieges wurde gesät. Auch wenn vor 35 Jahren keiner an die Kaukasuskrise, den Krieg in Georgien und den Ukraine-Krieg gedacht hat. Seit vier Jahren herrscht nun Krieg an der Ostgrenze Europas. Und geopolitisch hat ein neues Wettrüsten begonnen.
Beides verschlingt zig Milliarden Euro, die – auch, und vielleicht viel besser – investiert werden könnten, um den Hunger in der Welt zu lindern und das Klima zu schützen. Viele Menschen sind wieder verunsichert und haben Ängste vor der Zukunft.
Manchmal frage ich mich, ob ich vor 35 Jahren zu naiv war zu glauben, es würde politisch nun dauerhaft besser. Bin ich einem Traum aufgesessen, der wie eine Seifenblase zerplatzt ist? Ich schaue noch einmal auf den Psalm und auf das, was damals weiter geschah. Schon der nächste Vers deutet an, dass es bei den Israeliten auch nicht unbeschwert weiterlief.
Offensichtlich wieder in Not geraten, klagen sie vor Gott: „Wende doch, Herr, unser Geschick!“ (Ps 126, 4) Und dann kommen zwei abschließende Verse, die Trost und Zuversicht spenden wollen. Es heißt mit Blick auf die weitere Zukunft: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Sie gehen, ja gehen und weinen und tragen zur Aussaat den Samen. Sie kommen, ja kommen mit Jubel und bringen ihre Garben.“ (Ps 126, 5f.) Für mich jedenfalls ist dies auch ein Trost für unsre Zeit.
 
Ihr Ronny Baier