Wochenimpuls: Macht mit Liebe

17.03.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
wir sind mitten in der Fastenzeit. Für Muslime ist schon diese Woche Schluss. Für Christen dauerts noch etwas länger, auch wenn in Schriesheim aktuell der Mathaisemarkt die Fastenzeit „außer Kraft setzt“. Wie in jedem Jahr hörten wir zu Beginn der Fastenzeit in der Liturgie von der Versuchung Jesu in der Wüste.

Vierzig Tage und Nächte ist er dort ohne Essen. Wenn ich mir das vorstelle, denke ich: Unmöglich. Ich bin sicher, dass sich dann auch bei mir eine Stimme im Kopf melden würde. Wie bei Jesus. Und die Stimme flüstert: „Ich weiß, wie müde du bist. Du kannst das ändern! Siehst du die Steine? Wenn du willst, können die dein Brot werden.“ Oder: „Zeig deine Macht! Spring von der Zinne des Tempels und ich verleihe dir gleichsam Flügel und alle werden sehen, was für ein toller Typ du bist! Und alles Reiche und Schöne dieser Welt, alles gehört dir!“ 
Die „Deals“, die Jesus in diesem Moment der Erschöpfung eingeflüstert werden, sind spektakulär. Klar, geht’s um Macht. Aber dieser fehlt etwas Entscheidendes: Die Liebe. Auch deshalb lehnt Jesus. Er entscheidet sich gegen den großen Auftritt und für den langen und schwierigeren Weg. Er entscheidet sich für die Treue. Er bleibt bei dem, was ihn trägt: Vertrauen. Beziehung. Nähe zu den Menschen und ebenso zu Gott. Das ist keine Weltflucht, sondern vielmehr eine Art von Widerstand. 
Widerstand gegen die Logik: „Hauptsache durchsetzen.“ Widerstand gegen einen Zynismus, der sagt: „Am Ende zählt nur das, was du hast und was du bist.“ Widerstand auch gegen die Versuchung, selbst hart zu werden, weil die Zeiten nun mal hart sind. Vielleicht ist die vierzigtägige Fastenzeit so etwas wie eine Schule des Aushaltens. 
Nicht alles sofort lösen wollen. Nicht jede Schlagzeile kommentieren zu müssen. Nicht jede Provokation erwidern zu wollen. Unsere Gesellschaft lebt nicht nur von Mehrheiten. Sie lebt von Menschen, die innerlich nicht kündigen. 
Sie lebt von Menschen, die Gesprächsräume offenhalten, Beziehung und Nähe schaffen. Die widersprechen, ohne andere zu verachten. Die sich einsetzen, auch ohne den Applaus und das Rampenlicht zu suchen. Christlicher Glaube meint keine Flucht aus einer komplizierten Welt. Nein: Christlicher Glaube traut mir vielmehr zu, in der Welt zu stehen: wach, mitfühlend und klar. Jesus wählt in der Wüste die Macht, die es nur mit Liebe gibt.  Und da, wo Menschen ihre Seele nicht an Zorn oder Resignation verlieren, beginnt dann auch schon Ostern.
 
Es grüßt Sie alle Ihr Ronny Baier