Wochenimpuls: Chicago South Side

05.05.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
dort wuchs Bob Prevost auf, den die Welt seit letztem Jahr als Papst Leo XIV. kennt. Dort bei den Menschen im Süden Chicagos gilt er als einer der ihren, und längst nicht nur, weil er ein Fan der „White Sox“, eines Baseball-Teams aus Chicago ist. Für viele Hispanics und andere Migranten in der Metropole am Lake Michigan ist er ein besonderer Mensch.

Als Vizepräsident J. D. Vance im Frühjahr vergangenen Jahres der Nächstenliebe eine Absage erteilte, widersprach ihm Leo scharf. Wie sein Amtsvorgänger mahnte er die US-Bischöfe zu mehr Solidarität mit Migrant*innen, die ja zu einem großen Teil Katholiken sind und dazu als akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft arbeiten und Steuern zahlen, nur eben ohne Staatsbürgerschaft und häufig seit Jahrzehnten ohne gültige Papiere. Sie halten vieltausendfach Haushalte sauber, reparieren Heizungen, malen Wände an, arbeiten in der Landwirtschaft, auf Baustellen und in den Schlachthöfen der Vereinigten Staaten – und das oft genug unter unwürdigen Bedingungen und halten so die Wirtschaft am Laufen. 
Diese Migranten werden seit Monaten von der Einwanderungsbehörde ICE und der Grenzpolizei verfolgt, gejagt, entführt, gefoltert und deportiert. Männer, Frauen und Kinder „verschwinden“ und werden als Verbrecher behandelt, obwohl sie zu über 95 Prozent nie strafrechtlich aufgefallen sind und oft genug einen rechtlich abgesicherten Aufenthaltsstatus besitzen. 
Diese Menschen glauben Papst Leo, der er zwar in den USA aufgewachsen ist, aber viele Jahre in Südamerika lebte. Er ist ihr Papst, auch weil er Spanisch spricht und sein Name Leo quasi Programm ist. Papst Leo XIII. begründete einst die moderne Katholische Soziallehre und Papst Leo XIV. ist in der Stadt aufgewachsen, die vielfach schon als Zentrum kapitalistischer Ausbeutung beschrieben wurde.
An der strukturellen Ungerechtigkeit des Kapitalismus übte schon Papst Franziskus heftige Kritik. Und Leo XIV. nimmt diese in seiner Exhortation „Dilexi Te“ über die Liebe zu den Armen auf. Darin verlangt er von allen Christen Barmherzigkeit, Solidarität und dass sie sich ohne Wenn und Aber für Gerechtigkeit engagieren.  Wie sein Vorgänger mahnt Leo die unbedingte Annahme eines jeden Menschen an und ist damit ein prophetischer „Rufer in der Wüste“ in einer auf Gewalt, Hass und Ausgrenzung getrimmten Welt.
Dass es ihm mit einer sozialen und pastoralen Kirche ernst ist, zeigte Papst Leo auch schon mit den ersten Bischofsernennungen in den USA – zum Beispiel mit Ronald Hicks, den er zum Erzbischof von New York ernannte. 
Doch das ist nur die eine Seite. Denn auch Papst Leo scheint bislang den Reformstau in der Kirche nicht auflösen zu wollen. So erteilte er ja schon der Zulassung von Frauen zum Diakonat eine Absage und damit, erst recht, zum Priesteramt. Doch da sind auch in seiner Geburtsstadt Chicago viele Katholiken anderer Meinung, gerade Frauen, die darauf warten, dass „ihr Papst“ in dieser Frage endlich auf die Hälfte der Gläubigen plus alle gleichgeschlechtlichen Menschen, die in der Kirche diskriminiert werden, hört. 
Leider setzt Papst Leo weiterhin auf eine Sexual- und Geschlechtermoral, die noch immer nicht zu genüge wissenschaftliche Erkenntnisse und die Ausübung der Vernunft in Fragen der Moral ernstnimmt und von einer Überlegenheit der kirchlichen Normen gegenüber demokratischen Rechtsnormen ausgeht. Damit spielt er in den USA gerade den Kräften in die Hände, die den liberalen, demokratischen Rechtsstaat ablehnen, solange dieser vor allem die traditionelle Geschlechterordnung zu sprengen versucht. 
So sehr der „Junge aus Chicago“ in der Migrationspolitik Präsident Trump widerspricht, so sehr stimmt er mit dem traditionellen Familienbild der Trumpisten überein, das in den USA und vielen anderen westlichen Staaten mehrheitlich als diskriminierend betrachtet wird. Gerade in den USA wird derzeit die „Liberalisierung“ des Rechts von der Anhängerschaft Trumps mit der Berufung auf die Religionsfreiheit ausgehebelt. Und die katholische Kirche schweigt nicht nur dazu, sie ist sogar ein wichtiger Akteur. 
Der Einsatz von Papst Leo für die Armen und Schwachen steht in krassem Widerspruch zum Reformstau und einem Traditionalismus, sobald es um Frauen, Geschlechtermoral und die Auseinandersetzung von Recht und Moral geht. Es bleibt also abzuwarten, ob alle die sich in den USA und anderswo eine echte moralische Erneuerung in diesen Fragen wünschen, bei Papst Leo an der richtigen Adresse sind.
 
Ihr Ronny Baier