Wochenimpuls: Alle Vögel sind schon da…
12.05.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Frühlingslied begleitet mich seit Kindertagen: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle. Welch ein Singen, Musiziern, Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern! Frühling will nun einmarschiern, kommt mit Sang und Schalle. Und an dieses Lied muss ich dieser Tage immer wieder denken, wenn ich morgens von der Natur geweckt werde – genauer: von einem Vogelkonzert. Es ist so schön, wenn sie beim Morgengrauen ihre Stimmen erheben – ob in den Bäumen in und um den Pfarrhausgarten, ob auf alten Fernsehantennen oder auf den Dachgiebeln.
Sie werden dann zu großen Bühnen. Die Amseln singen, was das Zeug hält. Ihre Melodien variieren wunderbar. Und wie ein Echo klingen dazu die Kohlmeisen. Die Tauben gurren, Rotkehlchen und Rotschwänzchen stimmen mit ein. Grandios am Morgen so geweckt zu werden! Oft trete ich dann ans Fenster, öffne die Läden und lausche diesem wohlklingendem, vielstimmigen Vogelkonzert. Es ist faszinierend.
Mich berührt dieses Naturschauspiel und ein Lächeln huscht übers Gesicht und ab und an stimme ich auch selbst innerlich mit ein in dieses Konzert. Eigentlich ist das kein Wunder. Denn Forscher haben herausgefunden: Vogelgesang senkt körperliche Anzeichen von Stress. Cortisolspiegel, Blutdruck und Puls sinken, wenn wir Vogelkonzerten lauschen. Das mentale Wohlbefinden steigt. Und all das gibt es gratis und rezeptfrei. Ich muss nur einfach lauschen.
Und dann kann es schon mal passieren, dass es in mir selbst zu singen beginnt. Ich fühle mich dann verbunden mit der Natur und all den Geschöpfen, die darin singen. Es ist wie ein Einklang mit der Natur. Ja, mehr noch. Schon im Buch Daniel heißt es (Dan 3,80): „Preist den HERRN, all ihr Vögel am Himmel; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!“ Das ganze Gezwitscher ist nämlich auch Gebet. Und das gilt nicht nur für die Vögel. Da heißt es im Buch Daniel weiter (Dan 3,81f): „Preist den HERRN, all ihr Tiere, wilde und zahme; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit! Preist den HERRN, ihr Menschen; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit.“ Manchmal starte ich gleich nach dem Vogelkonzert mit meinem Morgengebet, manchmal braucht es aber auch erst noch einen Kaffee und einen Blick in die Zeitung. Und dann nehme ich die Sorgen, Nöte und Ängste, die Trauer und das Leid und die Freude der Menschen, von denen ich da lese, mit ins Morgengebet hinein.
Gott weiß, etwas damit anzufangen. Ich bin gewiss, er hört mich und mein Beten wie auch das Lied der Vögel. Und er hört mir zu, auch wenn ich nicht so schön singe wie die Vögel, sondern laut klage, schimpfe oder vor mich hin flüstere, was ich des Öfteren tue.
In der zweiten Strophe des eingangs zitierten Kinderlieds heißt es: „Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen“ – dieser Segenswunsch aus Vogelkehlen macht mir Mut angesichts der Probleme dieser Welt und eines jeden Tages. Im Gesang der Vögel, sagt mir diese Strophe, wird Gottes Segen, also sein liebevoller Blick auf die Welt und mich selbst, hörbar und spürbar.
Und schließlich sagt mir dies: Gottes Segen lässt sich auf ganz unterschiedliche Weise erfahren. Wenn die Vögel mit ihrem Gesang mir Gottes Segen bringen, dann kann ich ihn auch anderswo hören, riechen, schmecken, sehen und spüren – wenn ich meine Sinne dafür öffne: für den intensiven Geruch der Fliederblüten und Maiglöckchen, für die leuchtenden Farben der Pfingstrosen oder für die warme Frühlingssonne auf meinem Gesicht. Sie alle wünschen mir und uns „ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen.“ Ja, es tut gut, alle Sinne zu öffnen für das, was die Natur im Frühling verkündet. Und es sich zu Herzen zu nehmen. Ihr Ronny Baier