Wochenimpuls: Der verlorene Mann
19.05.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
ich bin ein echter Krimi-Fan und verpasse nur selten den sonntäglichen Tatort. Dabei freue ich mich stets auf die Kommissare Eisner und Fellner, gespielt von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser. Schade, dass Harald Krassnitzer diese Rolle nun aufgibt.
Dafür durfte ich ihn jetzt in ganz anderer Rolle im Film „Der verlorene Mann“ erleben, der am 7. Mai in unsere Kinos kam. Ein Film, der erzählt, was eine Demenzerkrankung mit einem Menschen und seinem Umfeld macht. Hanne und Bernd Zweig sind seit vielen Jahren verheiratet und führen eine etwas eingefahrene Ehe auf dem Land. Doch eines Tages steht Kurt vor der Tür. Und als Bernd fragt „Hanne, wer ist das?“ kommt von ihr die Antwort: „Das ist Kurt. Kurt, mein Ex-Mann. Er denkt, dass wir noch beide verheiratet sind.“
Besagter Kurt hat Alzheimer und die Trennung und Scheidung von Hanne gibt es für ihn nicht. Auch, wenn diese schon zwanzig Jahre zurückliegt und er und Hanne in dieser Zeit so gut wie keinen Kontakt hatten. Man kann sich nur zu gut vorstellen, dass Kurts Auftritt für Hanne einem Schock gleichkommt.
Eigentlich wollen Hanne und Bernd Kurt so schnell wie möglich loswerden. Aber ganz so einfach ist das in der Zeit des Pflegenotstands nicht. Und dazu kommt, dass in Bernd etwas hochkommt, das eigentlich schon in Pension gegangen ist, nämlich sein Dienst als evangelischer Pfarrer. Und es kommt zu einer ersten Meinungsverschiedenheit mit seiner Frau Hanne.
Sie hält ihm vor: „Das geht uns nichts an.“ Und er: „Wenn jemand in Not ist, dann geht uns das immer was an.“ Sie: „Du kannst den Pfarrer ruhig mal stecken lassen, du. Man hat uns hierhergeschickt, dass wir ihn jetzt hier abliefern können. Er hat Alzheimer.“ Doch weil Bernd den „guten Samariter“ in sich entdeckt, bleibt Kurt bis auf weiteres im Gästezimmer des Ehepaars. Und wirbelt deren Leben gehörig durcheinander.
Es dauert nicht lange und in Hanne tauchen auf einmal schöne, aber auch leidvolle Erinnerungen an ferne Tage der Vergangenheit auf. Denn so richtig losgelassen hat sie von Kurt und dem Leben mit ihm doch noch nicht. Das zeigt ihre Aussage: „Du warst alles für mich. Ich bin noch nie so tief verletzt worden.“
In diesem hintergründigen und doch auch unterhaltsamen Film begegnet dem Zuschauer mit dem dementen Kurt das uralte „Samariter-Dilemma“: Wann hört Verantwortung auf, wann fängt Überforderung an? Diese Frage stellt sich in unserer Zeit immer wieder, im Öffentlichen wie Privaten: Welche Leistungen kann das Sozialsystem künftig noch aufrechterhalten, welche müssen unbedingt sein? Wie viele Stunden Arbeit sind notwendig – und wann geht der Einzelne kaputt? Was kann eine Familie verlangen – und wo beginnt der Missbrauch am Einzelnen?
Der Schauspieler August Zirner sagt über die Entscheidung seiner Filmfigur Bernd, Kurt am Ende doch in eine WG für demenzkranke Menschen zu bringen: "Die Praxis lehrt vor allem ihn (Bernd), das wird nicht gehen. Damit überfordern wir uns. Und die Erfahrung, die man hat im familiären Umfeld, ist, es ist fast nicht zu leisten. Die Realität oder die Einsicht, bei allem Bewusstsein, dass das auch ein Scheitern ist, ist sehr traurig, aber es ist eine Realität."
Darauf gibt es keine Antwort, die einer Schablone gleich allgemeingültig wäre. Vielmehr müssen wir immer neu in uns und unser Gegenüber hineinspüren: Was brauchst du, was brauche ich? Was kannst du tun, wo brauchst du Unterstützung? Ehrlich zu sein, ist da oft das Schwerste, denn damit schlägt man letztlich immer jemandem vor den Kopf.
Der Film macht nachdenklich, ohne düster zu sein. Er zeigt ernsthaft und zuweilen komisch: Soziale Verpflichtungen, verwandtschaftliche Erwartungen an einen selbst – und dazu noch die Erwartungen ans eigene Ich. All dies macht die Abwägung das Richtige zu tun, schwer. Und doch: es hilft letztlich nur, wenn man ehrlich sagt, was geht – und wer im Ernstfall auch wen ausnutzt oder in ungute Abhängigkeiten bringt. Denn niemand steht gut, wenn ein anderer umfällt. Für mich eröffnet der Film „Der verlorene Mann“ einen besonderen Blick auf Demenz und zeigt, dass hinter der Erkrankung immer Beziehungen, gemeinsame Erinnerungen und persönliche Geschichten stehen. Und er macht sichtbar, wie komplex das Zusammenleben mit Demenz sein kann – und wie wichtig Verständnis, Geduld und Menschlichkeit im Umgang miteinander bleiben.
Ihr Ronny Baier




