Wochenimpuls: „Eigentlich“
07.07.2026 |
Liebe Leser*innen,
eigentlich hat die Bäckerei schon zu. Doch die Verkäuferin sieht mich durch die Scheibe – und macht nochmal kurz auf. Oder: der Sachbearbeiter auf dem Bürgerbüro müsste mich eigentlich abwimmeln, weil mein Antrag eine Frist verpasst hat. Aber er drückt ein Auge zu.
„Eigentlich“ – dieses Wort macht Menschen allzu oft ein schlechtes Gewissen. Auch mir. So als ob ich mir was erlaube, was nicht sein darf. Der in Jena und Erfurt lehrende Soziologe Hartmut Rosa hat sich seine Gedanken dazu gemacht, was denn passieren würde, wenn alle aufhörten, „eigentlich" zu sagen – sprich, wenn alle nur noch strikt nach Vorschrift handelten. Hartmut Rosa ist davon überzeugt, dass dann soziales Leben zusammenbricht. Dann hat Barmherzigkeit Feierabend. Dann regiert die Bürokratie. Ganz nach dem Motto: „Tut mir leid. Ich kann da wirklich gar nichts für Sie tun. Da sind mir die Hände gebunden“.
Das erleichtert das Leben natürlich, weil ich dann keine Verantwortung übernehmen muss und ich mich hinter Regeln verstecken kann. Sicher: Regeln, Abläufe und Systeme sind sinnvoll, denn sie helfen uns, den Alltag zu organisieren und zu strukturieren. Aber sie können uns nicht jede Entscheidung abnehmen.
Wenn ich merke, dass eine Regel gerade hier nicht so richtig sinnvoll ist, kann ich mich dazu entscheiden, was anderes zu machen, als ich „eigentlich“ sollte. Nicht, weil mir danach ist, sondern weil es gerade besser für den anderen Menschen ist. Und ich bin mir sicher, dass ich mich da an Jesus orientiere, der gesagt hat, dass eine Regel für die Menschen da ist und nicht die Menschen für eine Regel. Und deshalb bewahre ich mir mein Gewissen lieber für die Mitmenschlichkeit auf und nicht für die Regelgenauigkeit.
Ihr Ronny Baier




