Wochenimpuls: 17. Juni 1953

23.06.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
letzten Mittwoch wäre er gewesen, wenn es ihn noch gäbe: den ehemaligen Nationalfeiertag. Immerhin ist er noch – leider von vielen unbemerkt - ein nationaler Gedenktag. Ich war nicht dabei – dafür bin ich zu jung – als am 17. Juni 1953 in der damaligen DDR die Menschen auf die Straßen gingen.

Der Auslöser waren Demonstrationen der Bauarbeiter gegen die staatlich angeordnete Erhöhung der Arbeitsnorm. Doch schnell kam der Unmut dazu wegen der schlechten Lebensbedingungen. Und so forderten die Demonstrierenden schließlich auch die Absetzung der Regierung, sowie Meinungsfreiheit und freie Wahlen. Doch die sowjetische Besatzungsmacht schickte Panzer und schlug den Aufstand nieder. 
Im Westen Deutschlands wurde der 17. Juni als gesetzlicher Feiertag eingeführt, um an diesen Volksaufstand zu erinnern und die Wiedervereinigung anzumahnen, die dann 1990 Wirklichkeit werden sollte. Der Tag der Deutschen Einheit war eigentlich von 1953 bis 1990 eine Erinnerung ans Scheitern.
Und zugleich hielt er doch die Hoffnung offen, dass die Freiheit sich am Ende durchsetzen wird. Ob das den Bürgerinnen und Bürgern in der DDR geholfen hat, wenn die Bewohner West-Deutschlands am Tag des Scheiterns die Hoffnung auf Wiedervereinigung feiern?
Das kann ich nicht sagen. Zumal auf den niedergeschlagenen Aufstand von 1953 noch mehr Unterdrückung und 1961 der Bau der Mauer folgte, mit der die Zonengrenze komplett geschlossen wurde. Die Macht des SED-Regimes wurde immer größer und wohl auch unerbittlicher.
Letztlich waren es nicht die Westdeutschen, sondern die mutigen Bürgerinnen und Bürger der DDR die 1989 wieder auf die Straße gingen. Trotz aller Unterdrückung. Trotz der Erfahrung 1953 gescheitert zu sein. Ich frage mich: Wie viel Leid kann eine Nation ertragen? Wie lange müssen Menschen manchmal warten, bis sie wirklich in Freiheit sind? Wie lange muss Hoffnung tragen, bis sie sich manchmal erfüllt – völlig unerwartet?
So wie 1989, als Günter Schabowski scheinbar spontan aber auf jeden Fall unerwartet über die Reisefreiheit der Bürgerinnen und Bürger der DDR sagte: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“
Eine Hoffnung, von der ich weiß, dass sie sich erfüllt, ist keine Hoffnung. Vielmehr kommt Hoffnung gerade erst dann zum Tragen, wenn das Scheitern offensichtlich ist. So wie damals, 1953 mit dem gescheiterten Aufstand in der DDR. Es braucht wohl Menschen, die die Hoffnung durchtragen, auch über viele Jahre, ohne zu wissen, ob sie sich erfüllt.
So denke ich heute an alle Menschen, die sich nach Freiheit und Frieden sehnen, besonders im Iran, in Palästina, in der Ukraine. Dort kämpfen die Menschen seit vier Jahren für den Erhalt der Freiheit. Sie vor Augen denke ich an diejenigen, die bereit waren und sind, für ihre Überzeugung zu sterben. Und mit Blick auf das Ende der DDR denke ich schließlich auch an die Menschen, die im Gebet versammelt sich aufgemacht haben, Dinge zu verändern: Friedlich und gewaltfrei.  
 
Ihr Ronny Baier