Wochenimpuls: Ich habe mich selbst als KI nachgebaut

18.08.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
der Journalist und Moderator Yves Bellinghausen schrieb im Dossier in der Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit vom 11. Juni 2026 einen Artikel mit diesem Titel: „Ich habe mich selbst als KI nachgebaut. Sieht nicht gut aus für mich.“ (Dossier S.13-15) Der Autor wagte ein spannendes Selbstexperiment und erstellte mithilfe seiner persönlichen Daten, seiner Stimme, seiner Schreibweise und seinen Gewohnheiten gleichsam einen KI-Doppelgänger. 

Dieser übernahm immer mehr Aufgaben im täglichen Leben des Autors: Er vereinbarte Termine, telefonierte mit Restaurants, führte Interviews, kommunizierte mit Kolleginnen und Kollegen und formulierte Texte. Was Bellinghausen anfangs als Erleichterung erlebte, bereitete ihm - je besser der digitale Zwilling funktionierte – ein unangenehmes Gefühl. Denn er bemerkte, dass die KI nicht selten strukturierter und auch schlagfertiger wirkte als er selbst. Und daraus entstand für ihn die spannende Frage: Was passiert mit uns, wenn eine Maschine uns imitiert und dabei sogar besser ist als wir?
Yves Bellinghausen jedenfalls wurde verunsichert und sogar eifersüchtig auf seine eigene, digitale Kopie. Und er beobachtete bei sich, wie leicht es ist, sein eigenes Denken und Entscheiden an die KI abzugeben. Nicht nur einzelne zu erledigende Aufgaben, sondern auch Kreativität, Urteilsvermögen und zwischenmenschliche Kommunikation.
Und das bereitet auch mir Sorgen: Was bleibt denn von mir selbst, wenn eine Maschine immer mehr für mich erledigt? Ich muss da an ein Wort Jesu im Matthäusevangelium denken: „Was hat ein Mensch denn davon, wenn ihm die ganze Welt zufällt, er selbst dabei aber seine Seele verliert?“ (Mt 16,26, in der Übersetzung Hoffnung für alle).
Und mit Papst Leo kann man übertragen auf die Welt der KI fragen: Was nützt uns maximale Effizienz, wenn wir dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren? Wenn wir zwar Zeit gewinnen, aber die gewonnene Zeit eben nicht für zwischenmenschliche Beziehungen, für Ausgleich, Muße und echte persönliche Begegnungen nutzen? Wenn wir Entscheidungen, Kreativität und Kommunikation zunehmend künstlich erzeugten Lösungsplänen überlassen? Ohne Zweifel: KI ist ein hilfreiches Werkzeug. Aber zum Problem wird sie, wo sie nicht nur Aufgaben, sondern auch Verantwortung, Aufmerksamkeit und Selbstreflexion übernimmt.
Allzu leicht vergessen wir: mag sie auch Gefühle erkennen und analysieren, sie kann aber dennoch nicht fühlen. Sie kann Freundschaften abstrakt erklären, aber kann sie nicht wirklich leben. Sie kann Hoffnungen formulieren, aber nicht wirklich hoffen. Sie mag mir sagen, wie sich Tränen chemisch zusammensetzen und wonach sie schmecken, aber sie kann nicht weinen, weil sie innerlich ergriffen ist. Sie kann Gebete sprechen, aber nicht mit dem Herzen beten. Sie mag über Liebe philosophieren, aber sie kann nicht wirklich lieben. Und mit Blick auf das Selbstexperiment von Yves Bellinghausen frage ich mich: Was nützt mir also ein perfekter digitaler Zwilling, wenn ich dabei verlerne, ich selbst, sprich ein Mensch zu sein?
 
Ihr Ronny Baier