Wochenimpuls: Dolly
01.09.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
vergangenen Dienstag starb in Nashville, Tennessee Dolly Parton. Lange Zeit kannte ich nur eine Dolly, nämlich das Klonschaf Dolly. Dass die Wissenschaftler, die Dolly zeugten, das Schaf nach der US-amerikanischen Countrysängerin Dolly Parton benannten, das wusste ich lange nicht. Und von Dolly Parton kriegte ich eigentlich auch lange nichts mit, denn ich interessiere mich nicht für Country Musik. Ab und an las ich mal was über sie: auftoupierte Haare und blonde Perücken, glitzernde Kleider, hohe Schuhe, etliche Schönheits-Operationen. Aber sonst?
Erst in den letzten Jahren habe ich mich mehr mit dieser Frau befasst und sie begann mich als Person zu faszinieren, auch wenn ich ihre Musik noch immer nicht toll finde. Als viertes von 12 Kindern ist sie im ländlichen Osten von Tennessee in einer armen, aber zutiefst musikalischen Familie aufgewachsen, die ihre Liebe zum Singen früh förderte.
Mit achtzig war sie immer noch musikalisch aktiv – und unglaublich: Sie war Miteigentümerin eines eigenen Vergnügungsparks im kleinen Ort Pigeon Forge, der nach ihr benannt ist: Dollywood. Vor allem aber schaffte sie etwas, das in den USA von heute kaum jemandem gelingt. Sie bringt die Welten zusammen, die sich oft genug feindlich gegenüberstehen.
Die Rednecks, die ultrakonservative Landbevölkerung der Südstaaten, sie lieben ihre Dolly Parton ebenso wie die bunten Queers aus L.A. und die Dragqueens aus New York. Dolly Parton betonte immer wieder, dass ihr alle Menschen am Herzen liegen. Sie schlug sich nie auf eine Seite, aber stellte sich klar gegen jede Form von Diskriminierung.
Sie war stolz auf ihre queere Fangemeinde: "Ich habe eine große schwule und lesbische Anhängerschaft, und ich bin stolz auf sie. Ich liebe sie und finde, dass alle sie selbst sein und so leben dürfen sollten, wie sie sind." Denn Dolly Partons tiefer Glaube war für sie nie Begründung anderen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Sie sprach von Hoffnung und Liebe und immer davon, den eigenen Weg zu finden und bewusst zu leben, wer man ist. Sie war in den USA für viele die Stimme, die ihnen sagte: Du darfst du selbst sein.
Ihr Glaube war bis zuletzt gelebter Glaube, gerade auch sozial-caritativ. Dolly Parton gründete 1995 in Erinnerung an ihren Vater, der nie lesen und schreiben lernte, die „Imagination Library“. Was in Sevier County, jenem Bezirk, in dem Dolly Parton aufwuchs, als lokale Initiative begann, ist heute ein weltweit erfolgreiches Buchspende- und Leseförderprogramm für Kinder im Vorschulalter geworden, das unabhängig vom Einkommen der Eltern die frühkindliche Lesekompetenz fördern und in den Kindern eine lebenslange Liebe zum Lesen wecken will.
Ihre Dollywood Foundation unterstützt seit vielen Jahren Jugendliche in ihrer Heimat Tennessee mit Stipendien und Bildungsangeboten. Als ihre Heimat Tennessee von verheerenden Waldbränden heimgesucht wurde, unterstützte sie betroffene Familien finanziell. Während der Corona-Pandemie steckte sie eine Million Dollar in die Entwicklung des Moderna-Covid-19 Impfstoffs und trotzte den Impfgegnern ihrer Heimat.
Ihr Engagement war zweifellos getragen von ihrem christlichen Glauben. „The higher the hair, the closer to Jesus“, soll sie mal gesagt haben. Je höher die Haare, desto näher an Jesus. Dolly Parton hatte diesen Glauben, den ich noch von meiner Oma kenne. Handfest, zupackend. Sie lebt ihren Glauben, über den sie offen sprach: "Ich glaube einfach, dass es einen Gott gibt. Ich glaube, dass Gott mir hilft und mich leitet. Ich spreche jeden Tag mit ihm.“ Nicht lange vor ihrem Tod sagte sie in einem Gespräch noch einmal, dass sie ihre Lebensregel von Jesus habe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ That’s it. Diese starke, humorvolle und warmherzige Frau wird auch nach ihrem Tod für viele ein Vorbild bleiben.
Ihr Ronny Baier