Wochenimpuls: Lebensklug

25.08.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
am 15. August durfte ich in Dossenheim zwei junge Menschen trauen. Die beiden hatten sich als Trautext Worte des Dichters Reiner Kunze ausgesucht. Vielleicht kennen Sie diese Zeilen:
 
Rudern zwei in einem Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine führn durch die Sterne,
wird der andere führn durch die Stürme,
und am Ende, ganz am Ende
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.

Und genau tags darauf, am 16. August, durfte Reiner Kunze seinen dreiundneunzigsten Geburtstag feiern. Er ist inzwischen ein alter Mann geworden, schmal, mit weißen Haaren. 
Seine leise, deutliche Stimme hatte seit jeher Freiheit, Gerechtigkeit und auch Schönheit im Sinn. Aus politischen Gründen brach er 1959 seine Universitätslaufbahn ab, arbeitete als Hilfsschlosser und ab 1962 als freiberuflicher Schriftsteller. 
Der DDR-Führung war er zu systemkritisch, wurde deshalb zensiert und 1976 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. 1977 musste er seine Heimat verlassen. Seit Ende der 1970er Jahre lebt er in Obernzell-Erlau bei Passau. 
Der erste Gedichtband von Reiner Kunze, den ich mir zu meiner Zeit im Seminar St. Pirmin in Sasbach gekauft habe, hieß „Zimmerlautstärke“. Inzwischen habe ich etliche seiner Bücher im Regal stehen: Die wunderbaren Jahre / Auf eigene Hoffnung /  Wo Freiheit ist / Ein Tag auf dieser Erde / Die großen Spaziergänge /  Bleibt nur die eigene Stirn …. Teilweise sind die Büchlein ziemlich abgegriffen und zerfleddert, denn ich habe sie oft in der Hand. 
Kunze dichtet klar und präzise. Da ist kein Wort zu viel. Das mag ich so an ihm. Kunzes Worte und Gedichte trösten mich bis heute. Sie machen mir Mut; sie sind mir lebenskluge Wegbegleiter; sie sind mir Anstoß Systeme (gerade auch politische) zu hinterfragen. 
So veröffentlichte Kunze unter dem Titel Deckname Lyrik vor Jahren einen Teil der auf einer Müllkippe bei Pößneck gefundenen 3.500 Seiten Stasi-Akten über ihn. Für mich sind das sprachlos machende Zeugnisse der eiskalt organisierten Zerstörung eines Menschen und seiner Seele: … Misstrauen säen… Angst schüren… ins Verbindungssystem des K. eindringen… Gerüchte über die Ehefrau streuen… psychische Labilität des K. ausnutzen… Wohnung aufklären… aufweichen… zersetzen.
Kunzes Worte und Gedichte ermutigen aber auch, eigene Ansichten und eigenes Versagen selbstkritisch in den Blick zu nehmen und Meinungen und Ansichten zu revidieren. So sagte er mit Blick auf seinen eigenen frühen sozialistischen Idealismus mit einem Wort von Karl Popper: Wenn wir die Welt nicht wieder ins Unglück stürzen wollen, müssen wir die Träume der Weltbeglückung aufgeben
Allen, die niemals in ihrem Weltbild erschüttert werden, ja die sich darin völlig schmerzfrei einrichten und ihr eigenes Versagen schönreden, denen ruft er ein persönliches „Nie wieder!“ zu:
Nicht noch einmal
so verführbar
Nicht noch einmal
so gefährdet
Nicht noch einmal
eine mögliche gefahr
 
In einer Lesung sagte er einmal, dass er beim Schreiben ganz viel wegstreiche. Alles Überflüssige – weg damit. Bis es immer weniger wird. Kürzer. Klarer. Das sagt Kunte über die Dichtkunst. Und das gilt letztlich auch für die Kunst zu leben. Das Echte und das Schöne beachten, es wertschätzen und ehren. Eines seiner späten Gedichte nennt Reiner Kunze "Abschied“. Darin sagt der 93Jährige schon mal Lebwohl, denn "Fern kann er nicht mehr sein, der tod". Und wie ein Vermächtnis gibt er uns mit auf den Weg:  "Verneigt vor alten bäumen euch, und grüßt mir alles schöne." 
 
Fern kann er nicht mehr sein, der tod.
Ich liege wach, damit ich
zwischen abendrot und morgenrot
mich an die finsternis gewöhne.
Noch dämmert er, der neue tag.
Doch sag ich, ehe ich’s nicht mehr vermag:
Lebt wohl!
Verneigt vor alten bäumen euch,
und grüßt mir alles schöne.                                     
 
Bewahren wir uns den Blick auf das Schöne.
 
Ihr Ronny Baier 
 
„Rudern zwei“ aus Reiner Kunze: Frühe Gedichte in: Gespräch mit der Amsel. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 1984 –  „Deckname Lyrik“. Verlag S. Fischer, 4. Auflage Frankfurt a. M. 2008 –  „Nicht noch einmal“ und „Fern kann er nicht mehr sein“ aus: Reiner Kunze, die stunde mit dir selbst. Gedichte Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2018