Wochenimpuls: Magnifica Humanitas
02.06.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
Magnifica humanitas (Großartige Menschheit): Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, so lautet der Titel des ersten Lehrschreibens von Papst Leo XIV., das am Pfingstmontag im Vatikan vorgestellt wurde und schon jetzt von vielen als KI-Enzyklika bezeichnet wird. Das ist nicht verwunderlich, denn in diesem Lehrschreiben fordert Papst Leo wertebasierte Regeln und gesellschaftliche Kontrolle beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Der Papst sieht zurecht die Gefahr, dass die Welt durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik „unmenschlich und ungerechter wird".
Leo sieht durchaus, dass Technik an sich nicht menschenfeindlich ist und vielfach zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen beigetragen hat. Aber er weiß darum, dass "jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind."
Der Papst beschreibt auch, wie "Macht und Omnipräsenz neuer Technologien die Struktur des täglichen Lebens" prägen und damit eben auch Entscheidungsprozesse und die kollektive Vorstellungswelt. Und mit Blick auf diese Macht sei es "notwendig, angemessene Regulierungsinstrumente einzuführen, die in der Lage sind, die Gerechtigkeit zu schützen und die verzerrenden Auswirkungen von technologischer Macht einzudämmen."
Dies ist in den Augen des Papstes auch deshalb notwendig, weil global agierende Konzerne "über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind". Und die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen ja, wie schwer es ist, sie auf das Gemeinwohl auszurichten. Daher ist für den Papst KI auch niemals neutral, weil sie "die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen."
Der Papst hat im Blick, dass der Reichtum der Nationen immer mehr von Wissen und Technologien abhängt. Und er sieht, dass dabei ein neues Ungleichgewicht entsteht, „wenn diese Güter ohne angemessene Teilhabe und Zugangsmöglichkeiten in den Händen weniger konzentriert bleiben".
Daher ist für den Papst klar, dass alle Entscheidungen in diesem Bereich ihre Auswirkungen auf die Völker und auf künftige Generationen mitberücksichtigen müssen. Er scheut sich auch nicht davor zu betonen, dass das Recht auf Privateigentum stets der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet ist. Dazu gehören nach seiner Meinung eben auch neue Formen des Eigentums wie Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen und Daten.
Darum schreibt er: "Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker."
Der Papst betont in seinem Schreiben auch – und das wird gewiss nicht nur einem Donlad Trump nicht gefallen - das Recht der Kirche und anderer Glaubensgemeinschaften, sich politisch einzumischen und "ihre Stimme zu erheben, wenn die Würde der Brüder und Schwestern entstellt wird, wenn die Politik den Dramen der Menschheit nicht gerecht wird, wenn sich die Wirtschaft gegen den Menschen wendet oder die Wissenschaft die Grenzen ihrer Methode überschreitet."
Mich ließ aber noch ein Absatz in dieser Enzyklika aufhorchen, in dem es über Entscheidungsprozesse und Mitverantwortung in der Kirche geht. In Punkt 87 von Magnifica Humanitas schreibt der Papst: "Konkret erfolgen die Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Mitverantwortung in der Mission über Gremien tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung." Das steht doch in deutlichem Kontrast zur kirchlichen Realität. Denn seit Jahren betont Rom doch genau das: die Unterscheidung zwischen Beratung und Entscheidung. Gerade gegenüber dem Synodalen Weg wurde immer wieder darauf verwiesen, dass synodale Gremien bitte schön nur beraten, aber keine echte Beschlusskompetenz besitzen sollen. Kurz gesagt: Mitwirkung ja, aber Mitentscheidung nein.
Leider zeigt sich in diesem Absatz der Enzyklika ein altbekanntes Problem: Die Kirche formuliert Ansprüche an Partizipation, Subsidiarität und Verantwortungsteilung in Gesellschaft und Politik. Doch innerkirchlich gelten diese Maßstäbe oft nur eingeschränkt. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Spannungen zwischen der Hierarchie und den von ihr formulierten Prinzipien kommt, die doch für eine gerechte Ordnung stehen sollen. Von daher wird dieser Satz gewiss noch wichtig werden. Denn wenn Papst Leo seine eigenen Worte ernst nimmt, wird sich die Kirche daran messen lassen müssen, ob Mitverantwortung künftig mehr ist als nur schöne Beteiligungsrhetorik.
Ihr Ronny Baier
Den vollen Text der Enzyklika in Deutsch finden Sie hier: