Wochenimpuls: Aus dem Missbrauchsskandal wurde gelernt
09.06.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
was 2010 als katholischer Missbrauchsskandal begann, weitete sich rasch aus, auch auf die evangelische Kirche und zahlreiche weitere Institutionen, in denen Kinder und Jugendliche eigentlich hätten Schutz, Geborgenheit und Begleitung finden müssen.
2010 trat das vielfach stille Leid von Kindern in ihren Familien mit aller Wucht ins öffentliche Bewusstsein. Es war erschreckend, wie groß das Ausmaß der Taten war und mit Blick auf die Kirchen auch wie groß deren systematische Vertuschung. Die Politik wirkte zunächst hilflos und reagierte recht zögerlich. Es wurde damals von der Bundesregierung der „Runde Tisch“ geschaffen und eine Missbrauchsbeauftragte eingesetzt.
Es ist der Verdienst der ersten Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann und ihres Nachfolgers Johannes-Wilhelm Rörig, dass das Thema nicht wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand. Mit Betroffenen und Fachleuten wurde eine institutionelle „Architektur“ geschaffen: zum Bundesbeauftragten trat ein Betroffenenrat hinzu und es wurde eine unabhängige Aufarbeitungskommission eingesetzt. Letztes Jahr wurde dann endlich auch eine gesetzliche Basis für das bisherige Handeln geschaffen. Es gibt ein bundesweites Hilfetelefon und die Fachberatungsstellen wurden miteinander vernetzt. All das wurde auch international wahrgenommen. Denn kaum ein anderes Land hat Betroffene so systematisch einbezogen.
Eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung der Missbrauchsfälle spielten zweifellos die Medien. Das erkannte unlängst auch Papst Leo an, als er betonte, dass investigative Recherchen maßgeblich dazu beigetragen haben, Missbrauchssysteme offenzulegen und Betroffenen eine Stimme zu geben.
Ja, Medien schaffen Öffentlichkeit, halten das Thema präsent und verdeutlichen: Sexueller Kindesmissbrauch ist kein privates Schicksal, sondern ein gesellschaftlicher Skandal. Daher täte es gut, das deutsche Modell international stärker sichtbar zu machen.
Matthias Katsch, Mitbegründer und Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ für die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs im Bereich der katholischen Kirche, Mitglied des Betroffenenrats und seit 2019 auch Mitglied der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ beklagt, dass in der deutschen Außen- und Menschenrechtspolitik das Thema bisher keine wirkliche Rolle spielt. Dabei schauten nach seiner Meinung viele Länder genau hin: auf die Reformdebatten zur Verjährung, auf die Arbeit des Betroffenenrats, auf Formen der Aufarbeitung und Beteiligung. Die hierzulande gewachsene Sichtbarkeit von Betroffenen stärkt weltweit deren Initiativen und Bewegungen nachweislich. Das gilt es zu unterstützen.
Eines ist aber auch wahr: Sexuelle Gewalt ist zwar sichtbarer und öffentlicher geworden, aber keineswegs verschwunden. Die Aufarbeitung ist bis heute nicht abgeschlossen und die Frage der Entschädigung ist nach wie vor unbefriedigend gelöst – hier zeigen andere Länder, etwa Spanien, dass mehr möglich ist.
In Spanien bearbeitet der staatliche Ombudsmann die Anträge auf Entschädigung durch die Kirche und hat einen Entschädigungsfond vorgeschlagen. Schließlich begleiten die Folgen sexueller Gewalt in der Kindheit Menschen durch ihr weiteres Leben – und belasten durch Behandlungskosten, psychische Erkrankungen und Erwerbsminderung die gesamte Gesellschaft.
Wenn auch zuerst durch den Druck der Öffentlichkeit und der Politik hat die Kirche hierzulande seit 2010 viel dazu gelernt und inzwischen dazu beigetragen, sexuellen Kindesmissbrauch in ihren Reihen durch entsprechende Studien nicht nur aufzudecken, sondern auch Betroffenen eine Stimme zu geben und Täter zu belangen. Durch den Aufbau verlässlicher Strukturen und durch vielfältige Präventionsmaßnahmen konnte neu Vertrauen aufgebaut und in den Bistümern auf allen Ebenen ein Bewusstsein für sexuellen Kindesmissbrauch geschaffen werden.
Die Kirche hat gelernt, alles zu tun, damit sexueller Missbrauch aufhört, da dies nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern vielmehr eine christliche Grundhaltung ist. Denn Gewalt und Machtmissbrauch an den Schwächsten zu überwinden, muss uns im Sinne Jesu fester Auftrag sein. Dass dies heute im Bewusstsein der Kirche in Deutschland fest verankert ist, darauf darf sie zurecht verweisen.
Auch wenn sie noch manches mehr machen kann, tat sie in den letzten Jahren gerade in unserem Land mehr als andere Institutionen. Ohne selbstzufrieden zu werden, sollte sie in der Weltkirche stärker sichtbar machen, was bei uns gelungen ist und andere Ortskirchen in ihrem Bemühen stärken und fördern. Mit Blick auf die Missbrauchsskandale hat die Kirche gezeigt, dass sie lernfähig und zu echter Umkehr bereit ist.
Ihr Ronny Baier