Wochenimpuls: Kirche in Not
16.06.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
„Kirche in Not“ ist der Name eines 1947 gegründeten pastoralen Hilfswerks. Damals organisierte der Prämonstratenser Werenfried van Straaten in Belgien und den Niederlanden Hilfe für die deutschen Nachbarn. Vierzehn Millionen Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten strömten in die vier Besatzungszonen, in denen es zu wenig Unterkünfte, zu wenig Nahrung und Kleidung gab. Pater Werenfried rief zur Versöhnung mit den ehemaligen deutschen Kriegsgegnern auf. Er bat um Nahrungsmittel und Kleidung, um den Deutschen in ihrer Not zu helfen.
1952 begann die Hilfe für die verfolgte Kirche in Osteuropa. Heute unterstützt das Hilfswerk die Kirche weltweit in materieller und geistlicher Not, einschließlich extremer Armut und Verfolgung. Im letzten Jahr finanzierte „Kirche in Not“ rund 5.500 Projekte in 138 Ländern. Alle zwei Jahre veröffentlicht das Hilfswerk den Bericht „Religionsfreiheit weltweit“, die einzige nicht staatliche Studie, die die Situation der Religionsfreiheit aller Religionen weltweit untersucht. Seine Internationale Zentrale hat das Hilfswerk in Königstein im Taunus.
Sein neuer Generalsekretär, Ferdinand Habsburg, ist sehr darüber besorgt, dass Jahrhunderte alte christliche Gemeinschaften in vielen Regionen dieser Welt von ihrem Ende bedroht sind, zuallererst die Christen im Nahen Osten, die von den gewalttätigen Umbrüchen in Syrien, dem Irak und auch in Israel und dem Westjordanland stark betroffen sind. Nicht weniger katastrophal ist die Situation in Ländern der Subsahara, etwa in Burkina Faso, Mosambik oder in Teilen Nigerias, wo islamistische Banden für eine systematische Verdrängung christlicher Gemeinschaften aus ganzen Landstrichen verantwortlich sind.
Natürlich erleben Christen nach wie vor Benachteiligung und Verfolgung in den autoritären und totalitären Staaten dieser Welt. In neuester Zeit bedroht aber auch die Drogenmafia zum Beispiel in Mexiko das religiöse Leben, indem kirchliche Mitarbeiter oder Gemeinden unter Druck geraten.
„Kirche in Not“ dokumentiert, dass es allein 2023 in 62 Ländern dieser Erde zu erheblichen Verletzungen der Religionsfreiheit gekommen ist. Und die neuesten Zahlen besagen, dass inzwischen fast 5,4 Milliarden Menschen in Ländern mit religiöser Verfolgung oder Diskriminierung leben.
Christen sind von diesen Einschränkungen der Religionsfreiheit insbesondere dort überproportional oft betroffen, wo Staatsführung und politische Doktrin den christlichen Glauben verfolgen oder in Ländern, in denen islamistische Banden Jagd auf Andersgläubige machen. Noch nie sah die Situation derart flächendeckend düster aus. Die weiträumige Verfolgung hat System. Von daher muss auch hierzulande das Bewusstsein für die Religionsfreiheit aller Menschen wachgehalten werden.
Auch wenn wir hierzulande in einer zunehmend säkularen Gesellschaft leben, ist für viele Menschen weltweit Religion ein zentraler Bestandteil ihres Lebens und ihrer Identität und unsere säkulare Gesellschaft stellt nicht die Regel, sondern noch immer eher die Ausnahme dar.
Für mich ist die bei uns immer wieder anzutreffende Vorstellung eines „religionsfreien öffentlichen Raumes“ gefährlich und übrigens auch nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, das Religionsausübung explizit nicht als Privatsache, sondern als allgemeines Grundrecht schützt. Religionsfreiheit bleibt lebendig, wenn Menschen ihren Glauben frei leben können – und wenn auch Nicht-Gläubige diese Freiheit respektieren. Religion ist weltweit eine treibende Kraft zum Guten wie zum Schlechten. Das muss uns bewusst bleiben und das dürfen wir nicht ausblenden.
Das Hilfswerk „Kirche in Not“ arbeitet an vielen Brennpunkten der Welt, auch im Heiligen Land. Mich schmerzt die Situation unserer christlichen Glaubensgeschwister dort und darüber hinaus im gesamten Nahen Osten. Die christlichen Kirchen und Gemeinschaften haben dort seit Jahrtausenden Kriege und Verfolgungen überlebt und sind wichtige versöhnende und verbindende Elemente ihrer Gesellschaften. Doch immer mehr junge Christen wandern massenhaft nach Europa, Australien und in die USA aus, weil daheim die Perspektiven fehlen. Die Kirche in den Ursprungsländern des Christentums droht auszubluten. Verlieren wir sie nicht aus dem Blick.
Ihr Ronny Baier