Wochenimpuls: Selig seid ihr…
20.10.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
diese Worte aus der Bergpredigt Jesu wie sie uns der Evangelist Matthäus überliefert hat, hören wir bald wieder in den Gottesdiensten, nämlich am Allerheiligenfest. Da werden wie jedes Jahr die Seligpreisungen vorgetragen.
Im Oktober stehen im liturgischen Kalender etliche Namen von Menschen, die von der Kirche seliggepriesen werden: etwa die heilige Theresia von Lisieux, der Heilige Franz von Assisi, der Heilige John Henry Newman, die Heilige Theresia von Avila, die Heilige Hedwig von Andechs und der Heilige Papst Johannes Paul II.
Und der Letztgenannte war es, der vor 25 Jahren in Rom zwei Deutsche seliggesprochen hat und die wir seither in der Kirche seligpreisen: die Clemensschwester Euthymia Üffing und den Journalisten Nikolaus Groß. Was mir dabei wichtig ist: Beide haben ein vorbildliches Leben geführt. Beide stehen für Haltungen, die heute wieder so wichtig geworden sind!
Da ist Schwester Euthymia, die 1934 in den Orden der Clemensschwestern eintrat und im Orden zur Krankenschwester ausgebildet wird. Während des Zweiten Weltkriegs kümmert sie sich in Dinslaken in einem Krankenhaus ihres Ordens um kranke Kriegsgefangene und Fremd- und Zwangsarbeiter aus England, Frankreich, Russland, Polen und der Ukraine.
Sie pflegt sie und besorgt ihnen Nahrungsmittel, damit sie nicht hungern müssen oder an Entkräftung sterben. Schwester Euthymia fragt nicht nach Freund oder Feind, sondern hilft einfach den Menschen in Not, obwohl ihr dafür sogar Strafe angedroht wird. Sie handelt ganz nach dem biblischen Motto: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen!“ Und so nennen die Patienten sie auch schon bald den „Engel der Liebe“.
Und dann ist da Nikolaus Groß, ein Zeitgenosse von Schwester Euthymia. Aber anders als sie, die still und treu am leidenden Menschen handelt, erhebt Nikolaus Groß offen seine Stimme. Er ist christlicher Gewerkschafter, führend in der katholischen Arbeiterbewegung und Journalist und führt einen kompromisslosen Kampf gegen den Nationalsozialismus.
1943 schreibt er folgende Worte, die auch von Schwester Euthymia stammen könnten: „Die meisten großen Leistungen entstehen aus der täglichen Pflichterfüllung in den kleinen Dingen des Alltags. Dabei gilt unsere besondere Liebe immer den Armen und Kranken.“ Nikolaus Groß begründet seine Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Führerkult mit der Überzeugung: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Für seine Haltung ist er bereit zu sterben. Wegen seiner Kontakte zur Widerstandsgruppe des 20. Juli wird er am 15. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.
Dabei hat er mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 direkt nichts zu tun, aber er gilt als Mitläufer. Nikolaus Groß wird am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet und hinterlässt eine Frau und sieben Kinder. In der Predigt im Rahmen der Seligsprechung sagt Papst Johannes Paul II. dann: „Gerade unsere Zeit braucht dringend überzeugte Christen, die auf die Stimme des Gewissens hören und den Mut aufbringen, den Mund zu öffnen, wenn es um die Würde des Menschen geht.“ Was der Papst da vor 25 Jahren gesagt hat, es ist aktueller denn je.
Ihr Ronny Baier