Wochenimpuls: St. Theodor
27.10.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
im Sommer kam ich mal wieder in den „Kölner Osten“, um im Stadtteil Vingst einen Bekannten zu treffen. Dabei besuchte ich auch die dortige Kirche St. Theodor, von der ich schon viel gehört habe. Der heutige moderne Rundbau wurde vom Architekten Paul Böhm entworfen und entstand, nachdem die Vorgängerkirche beim schweren Erdbeben im Rheinland vom 13. April 1992 so stark beschädigt wurde, dass sie abgerissen werden musste.
Bei der Kirchweihe der neuen Kirche 2002 betete Kardinal Meisner: "Hier mögen die Armen Barmherzigkeit finden, die Bedrückten die Freiheit, und jeder Mensch die Würde seiner Kindschaft". Das ist genau das Programm, das vor bald zweitausend Jahren dazu geführt hat, dass sich viele den christlichen Gemeinden im Römischen Reich angeschlossen haben. Es waren die Sklaven, die Armen und auch viele Frauen, die unter der Herrschaft der Männer litten.
Es waren aber auch die Nachdenklichen und Intellektuellen, die sich angesprochen fühlten. Die alte römische Götterwelt und die Verehrung der Kaiser erschienen zunehmend hohl. Sie fühlten sich "spirituell obdachlos", wie es einmal der Leiter der Ausgrabungen in Pompeji, Gabriel Zuchtriegel ausdrückte.
Viele wandten sich damals dem Dionysius-Kult zu, feierten ausgelassen, ja mitunter zügellos die Fruchtbarkeit. Andere interessierten sich für die Christen, bei denen die Askese, die tätige Nächstenliebe und Freundschaft wichtig waren. Zu jener Zeit galt letztlich die Familie als Ort der Fürsorge. Jenseits der Familie wurde Nächstenliebe kaum geübt. Anders bei den Christen. Ihr Gott schlug sogar die Feindesliebe vor.
Eigentlich nichts Neues, die gelebte Nächstenliebe. Denn schon im 4. Jh. vor Christus schrieb der griechische Philosoph Aristoteles: "Mitleid ist eine Art Schmerz über Unheil, das jemanden trifft, der es nicht verdient hat.“ Und er ergänzt, dass Mitleid umso stärker empfunden wird, wenn man realistisch wahrnimmt, dass es warum auch immer uns selbst treffen könnte, oder unseren Lieben.
Das ist nichts anderes als, dass uns Mitleid zum Handeln führt wie beim Barmherzigen Samariter aus der Bibel. Obwohl er nicht zum Volk Israel gehört, hilft er als „Fremder“ einem von Räubern überfallenen Juden. Er macht also, was bei jeder Kirchweihe der Bischof betet: "Hier mögen die Armen Barmherzigkeit finden, die Bedrückten die Freiheit, und jeder Mensch die Würde seiner Kindschaft". Kurz gesagt: Hier wird Dir geholfen!
In Köln-Vingst entstand aus dem Unglück des Erdbebens vom April 1992 letztlich Glück. In Vingst leben rund 23.000 Menschen, von denen knapp 4000 Sozialhilfe erhalten; jeder Dritte ist Ausländer. Also ein „sozialer Brennpunkt“.
Und deshalb legte die Kirchengemeinde beim Neubau der Kirche besonderen Wert darauf, dass diese ein für soziale Zwecke nutzbares Sockelgeschoss erhielt, den so genannten „Diakonie-Keller“ in dem sich eine Kleiderkammer, eine Küche, Räume für Lebensmittelausgabe, eine Fahrradwerkstatt und Garage befinden, der man den Gabelstaplerführerschein machen und damit vielleicht einen Arbeitsplatz finden kann.
Darin kommen programmatisch die Grunddimensionen des kirchlichen Handelns zum Ausdruck: Gottesdienst, Dienst am Menschen, Verkündigung und Gemeinschaft. Die Basis von allem ist die Barmherzigkeit. So wie der Diakonie-Keller in Vingst das Fundament für den ganzen Kirchenbau ist. So viel Glück hat gewiss nicht jede Gemeinde, aber es muss ja kein Erdbeben geben, um Gemeinsinn und Barmherzigkeit zu üben – im ganz alltäglichen Leben.
Ihr Ronny Baier