Wochenimpuls: Der 9. November

03.11.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
der 9. November ist wahrlich ein besonderer Tag; ein Tag, der in unserem Volk Geschichte gemacht hat. Man könnte ihn daher auch einen Schicksalstag der Deutschen nennen. Am 9. November 1918 endete mit dem Ersten Weltkrieg die Zeit der Monarchie in Deutschland, die erste deutsche Republik wurde ausgerufen. Diese hatte jedoch aus verschiedenen Gründen keinen Bestand.

Ebenfalls an einem 9. November fand der Hitler-Ludendorff-Putsch in München statt, bei dem Hitler 1923 scheiterte; nach seiner Machtergreifung 1933 erhöhte er den Tag zum Gedenktag. Der 9. November 1989 war schließlich der Tag, an dem die Mauer fiel und Deutschlands Spaltung nach über 40 Jahren überwunden wurde. 
Hätte es am 9. November 1938 die Reichspogromnacht nicht gegeben – der 9. November wäre gewiss deutscher Nationalfeiertag geworden. Doch der Schatten des 9.November 1938 ist lang. Im gesamten Deutschen Reich wurden damals jüdische Geschäfte und Einrichtungen zerstört, Synagogen in Brand gesteckt, und innerhalb weniger Tage wurden Hunderte von Juden ermordet. Damit begann deren offene Verfolgung, die am Ende etwa sechs Millionen europäische Juden und Angehörige weiterer Bevölkerungsgruppen aus rassistischen Gründen in die Vernichtungslager des NS-Regimes trieb.
Und vor dem Hintergrund all dessen feiert die katholische Kirche am 9. November das Fest der Weihe der Lateranbasilika in Rom. Warum? Sie gilt im römisch-katholischen Verständnis als » Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises«. Es muss den Christen wie ein Traum vorgekommen sein, als Kaiser Konstantin dem Papst im Jahr 313 den Lateranpalast als Amtssitz schenkte und gleichzeitig den Bau der Lateranbasilika in Auftrag gab. Dieser Bau markiert den Beginn der Kirche als staatstragende Macht. Die Kirche wurde zur prägenden Größe der abendländisch, europäischen Kultur.
Als Papst Silvester I. im Jahr 324 die Lateranbasilika einweihte, konnte er sich selbst noch gut erinnern an die heimlichen Zusammenkünfte der Christen in Rom. Auch er hatte wohl noch heimlich Eucharistie in Privathäusern gefeiert. Für Christen gab es keine Kirchen. Ihre Religion war verboten, und es gab immer wieder Phasen grausamer Christenverfolgungen. 
Welche bittere Ironie, dass in den folgenden Jahrhunderten gerade Christen ihrerseits Andersgläubige grausam verfolgten – mit Blick auf den 9. November und unsere deutsche Geschichte seien hier gerade die Juden genannt. Den Weihetag der Lateranbasilika jedenfalls haben die Christen nie vergessen. Nun mussten sie sich nicht mehr verstecken. Endlich konnten sie ihren Glauben in aller Öffentlichkeit feiern und bekennen, ohne Angst vor Verfolgung. 
Kaiser Konstantin der Große ließ die Basilika auf dem Gelände früherer römischer Kasernen bauen. In dieser Lateranbasilika fanden fünf Kirchenversammlungen statt, Konzilien, von denen manche ihre Spuren bis heute zurücklassen: die einmal jährlich verpflichtende Beichte, die Kennzeichnung der Juden durch den Judenstern und die Erfindung der Ghettos – auch das soll mit Blick auf dem 9. November nicht verheimlicht werden. Einige Kilometer von der Lateranbasilika entfernt fand aber auch das II. Vatikanum statt, auf dem die Kirche ihre falschen Schritte zutiefst bedauerte und das auch in Dokumenten ausdrückte. Seither wird der jüdisch – christliche Dialog intensiv gepflegt.
Die Evangeliumslesung des 9. November (Matthäus 25, 1 – 13) ruft uns zur Wachsamkeit auf. Zu ihr gehören auch das Erinnern und das nicht Vergessen des Dunklen und Bösen im eigenen Leben und der Geschichte eines Volkes, damit es im Licht des Evangeliums Heilung und Versöhnung findet und sich nicht in der Gegenwart einfach wiederholt. Wir Christen sollen wach sein und Unrecht spüren und anprangern. Wir sollen nicht wegschauen. Jesus tritt in unser Leben Tag für Tag. Die Frage ist, ob wir damit auch rechnen. Die Öllampe im genannten Evangeliumstext steht als Symbol für die Wachsamkeit. Und das „Öl“, das die Lampe am Brennen hält, steht für den Lebensertrag. Das Öl bedeutet all unser Bemühen im Leben, Gutes zu tun, für andere ein Licht sein zu wollen. Das Öl in den Lampen steht für die rechte Lebenseinstellung, die gute Werke hervorbringt. „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen“ - dazu fordert Jesus in der Bergpredigt auf. Und das ist auch das Kriterium beim Gericht!
Jeder von uns weiß, eine solche Lebenseinstellung lässt sich nicht auf die Schnelle einfach kaufen und schon gar nicht von anderen ausleihen. Einmal werden wir wie die jungen Frauen im Matthäusevangelium gefragt werden, wie wir mit unserer Lebenszeit umgegangen sind - und da hilft kein Ausborgen und kein Kaufen bei anderen. 
Wenn ich mir nochmals vor Augen halte, dass es ein 9. November war, als die Berliner Mauer fiel und die Spaltung Deutschlands ein Ende nahm, so haben wir allen Anlass, Gott für dieses Geschenk an unser deutsches Volk zu danken.
Und als Christen in Deutschland kann dieses Datum für uns nur heißen, nie mehr die unlösbare Verbindung von Christen und Juden zu bestreiten und uns schützend vor die Juden zu stellen, wo immer der unausrottbar scheinende Antisemitismus sie erneut bedroht. Alle menschenverachtenden Ideologien müssen auf unseren öffentlichen Widerstand stoßen, auch und erst recht, wenn sie sich religiös verbrämen oder gar in unseren eigenen Reihen zu finden sind. Da trifft uns Jesu Ruf zur Wachsamkeit in besonderer Weise.
 
Ihr Ronny Baier