Wochenimpuls: Sechswochenamt

30.06.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn ein Mensch stirbt, dann steht die Zeit kurz still. Besonders, wenn es sich dabei um einen Menschen handelt, der einem besonders nahe war. In dem Film, der seit letzter Woche im Kino läuft, ist es die eigene Mutter.
Aber für Stille, Trauer und Reflexion bleibt nach einem Tod oft keine Zeit. Da ist so viel zu organisieren. Das trifft im Film Lore: Ihre Mutter ist tot und sie kommt zurück in die rheinische Heimat. Dort trifft sie aber nicht zuerst auf Unterstützung, sondern vielmehr auf Ressentiments.

Meine Mama möchte eingeäschert und verstreut werden“ so formuliert sie den Wunsch ihrer Mitter gegenüber weiteren Angehörigen. Deren Reaktion: „Ne und was sage ich den Leuten? - Verbrannt, ja also ich finde das ja menschenunwürdig. - Das war mir wieder klar, dass deine Mutter eine Extrawurst will.“
Diese erste Phase der Trauer portraitiert der Film "Sechswochenamt" von Jacqueline Jansen. Er geht den Trauerprozess in allen Phasen nach: 
Vom Tod eines Menschen bis zur Messe sechs Wochen danach. Für Lore wie für viele Angehörige ist das eine Zeit zwischen tiefer Traurigkeit und Überforderung: Denn es wartet unendlich viel Bürokratie. Und Lore muss wie viele andere in dieser Lage spüren: auch der Rest der Welt nimmt auf sie kaum Rücksicht. „Hier kannst du nicht parken, das ist ein Behindertenparkplatz. Hast du in der Fahrschule nicht richtig aufgepasst? - Danke.“
Doch Lore lässt sich ihre persönliche Trauer nicht nehmen, auch wenn sie dafür gegen die Vorstellungen und Erwartungen der anderen ankämpfen muss. Und es zeigt sich ihr, auf wen sie sich wirklich verlassen kann – und wer lieber auf Abstand bleibt. Warum auch immer. Und zwischendurch muss da auch mal einfach alles raus: „Sag mal, geht's noch? Machen hier eigentlich alle nur noch das, was sie wollen?
Der Film „Sechswochenamt“ zeigt: Solche Krisenzeiten kommen oft genug, wenn man am wenigsten darauf vorbereitet ist. Wie stark bin ich dann? Wie eng sind die familiären Bande denn wirklich? Und: Wie sehr funktioniert mein Leben? Wenn wir ehrlich sind: oft weniger gut als gedacht. Wir sind fragil. Das ganze Leben steht auf tönernen Füßen, auf die besser nicht zu viel Gewicht gelegt wird. 
Lore erfährt in diesen sechs Wochen: Familie, Nachbarn, Freunde – sie alle werden durch den Status Quo einigermaßen zusammengehalten. Nicht jede Beziehung wird die Belastungsprobe überstehen. So ein bisschen dämmert es einem manchmal, wenn mal nicht alles glatt läuft: Würde dieser Mensch am Ende zu mir stehen? Würde ich eine Herausforderung gerade meistern können? Oder wäre ich das schwache Glied, an dem die Kette reißt? 
Am Ende schafft es Lore, allen Widrigkeiten zum Trotz, eine Verabschiedungsfeier zu organisieren. Und diese findet im Schlafzimmer ihrer Mutter statt. Nach sechs Wochen Ausnahmezustand hat Lore gelernt, ihre Trauer zuzulassen, um nicht von ihr aufgefressen zu werden. Und dazu: Dass die Endlichkeit des Lebens geplant werden muss und dass es keine Antwort auf die Frage gibt: Wie trauert man richtig.
 
Ihr Ronny Baier