Wochenimpuls: Ein Beispiel der Aufarbeitung kolonialen Erbes

28.07.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
im Haus der Graphischen Sammlung im Freiburger Augustinermuseum ist zurzeit eine Ausstellung des niederländischen Künstlers Marcel van Eeden (*1965) zu sehen. Die Schau "6. August 1870" setzt sich mit den Verflechtungen von Nationalismus, Kolonialismus und Rassismus auseinander. Im Mittelpunkt steht der aus Nordafrika stammende Soldat Abdel Kader Ben Lahcen. Das Datum als Ausstellungstitel nimmt Bezug darauf, dass Ben Lahcen an diesem Tag im Deutsch-Französischen Krieg starb. 

Danach wurde sein Leichnam durch den Freiburger Anthropologen Alexander Ecker (1816-1887) für Untersuchungen nach Freiburg gebracht. In der Kolonialzeit wurden Hunderte Tote nach Deutschland verbracht, um sie in verschiedenen deutschen Universitäten deren anthropologische Sammlungen einzuverleiben und auch für rassistische Forschungen zu missbrauchen. 
 In der Freiburger Universität liegen bis heute neben Teilen des Skeletts von Abdel Kader Ben Lahcen noch die Schädel und Knochen weiterer 1500 Menschen. 300 davon stammen aus der Kolonialzeit. Die Universität Freiburg arbeitet gottlob schon seit einigen Jahren an der Aufarbeitung ihrer anthropologischen Sammlung. Und sie hat dabei bereits menschliche Knochen an Gemeinschaften in Namibia, Australien, auf Hawaii und auf den Marshallinseln zurückgegeben. Unlängst wurden die sterblichen Überreste von sechs Menschen aus Kamerun an Vertreter ihrer indigenen Gemeinschaft der Maka zurückgegeben. Dazu gab es in der Freiburger Universitätskirche eine würdevolle Zeremonie der Versöhnung. (https://www.konradsblatt.de/detail/nachricht/id/245818-universitaet-freiburg-gibt-menschenknochen-an-kamerun-zurueck/?cb-id=12279868)
Die sechs Menschen waren vor mehr als 100 Jahren in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun während eines Aufstands getötet und dann für rassistische Forschung nach Deutschland gebracht worden. Anhand ihrer Knochen wollten Anthropologen die vermeintliche Überlegenheit von weißen Menschen belegen. 
Nach Deutsch-Südwestafrika war Kamerun die zweite deutsche Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent. Durch das brutale Vorgehen der Besatzer starben unzählige Menschen. Widerstand, auch durch das Volk der Maka, wurde blutig und grausam niedergeschlagen. Nach der militärischen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg übernahmen England und Frankreich die seit 1884 deutsche Kolonie Kamerun. 
Mit dieser feierlichen Zeremonie erinnerte die Freiburger Universität am 16. Juli an das koloniale Unrecht und setzte ein Zeichen für Versöhnung und die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Die Rektorin der Universität, Kerstin Krieglstein, sagte während der Zeremonie: "Die damalige Wissenschaft hat Menschen ihrer Würde beraubt und sie zu Forschungsobjekten gemacht. Für dieses schwere Unrecht übernehme ich als Rektorin die Verantwortung." Vertreter der Gemeinschaft der Maka sowie des Staates Kamerun sprachen von einem wichtigen Schritt der Versöhnung. Dies unterstrich auch der in der Stadtkirche Freiburg tätige katholische Theologe und Pfarrer Deogratias Maruhukiro, der die Zeremonie in der Universitätskirche mitgestaltete. Möge dieses Beispiel weitere Prozesse der Heilung und Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes anstoßen, die zerbrochene Geschichten und Biografien wieder miteinander verknüpfen und den Wert eines jeden menschlichen Lebens betonen - frei von jeglichem rassistischen Denken und kultureller Überheblichkeit. Ihr Ronny Baier