Wochenimpuls: Jedes Menschenleben ist heilig
04.08.2026 |
Liebe Leserinnen und Leser,
als ich vergangenen Sonntagmorgen von dem schrecklichen Attentat in der Nacht des Berliner Christopher Street Days gehört habe, da war ich echt geschockt. Was muss in einem Menschen vorgehen, dass er Menschen, die anders sind, das Recht zu leben abspricht. Gottlob sind in Deutschland queere Menschen rechtlich gleichgestellt und sie erfahren weitgehende Akzeptanz: Die Berliner Parade zum CSD ist längst schon Aushängeschild für Vielfalt, Selbstbestimmtheit, Toleranz. In diesem Jahr stand sie unter dem Motto „Haltung ist hot“.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – heißt es im deutschen Grundgesetz. Und jeder CSD spricht auch davon. Queer-Sein ist gut, nicht pervers. Denn für mich gilt die Feststellung Gottes im ersten der beiden biblischen Schöpfungserzählungen am Ende jedes Schöpfungstages auch für queere Menschen: „Und siehe, es war sehr gut“. Das heißt, dass Gott da kein Ausrutscher passiert ist und der queere Menschen auch nicht geschaffen hat, damit andere sich an ihnen moralisch abarbeiten und sie als schlimme Sünder abstempeln.
Es hat mich entsetzt, dass da am 25. Juli in Berlin jemand mit dem Auto in die Feiernden beim CSD gerast ist. Eine Tote und 31 teils schwer Verletzte. Und die Anzeichen verhärten sich, dass das geschah aus Hass auf queere Menschen – aus religiösen Gründen.
Das ist pervers: Wenn Menschen andere Menschen, die anders sind, so hassen, dass sie wünschen, sie sollen nicht mehr leben. Und wenn sie dann auch noch glauben, dass Gott in diesem Wunsch auf ihrer Seite steht, dann kann ich das als glaubender Mensch nicht so stehen lassen. Gott ist Liebe. Und solcher Hass macht Einzelne wie auch eine Gesellschaft krank... und leider auch eine Religion.
Als Katholik weiß ich, dass ich da aufpassen muss, denn allzu oft präsentiert sich meine Kirche sehr queerfeindlich. Und ich habe schon mehrfach die Verwundungen mitbekommen, die viele queere Menschen in sich tragen durch eine Kirche, die sie aussortiert. Es macht mich traurig, dass vermeintlich „Rechtgläubige“ oft so schnell dabei sind, Menschen auszugrenzen, zu hassen, Dinge pervers zu nennen oder auch „unrein“.
Warum sollte Gott Menschen als „unrein“ abstempeln? Ich denke da gern an die Apostelgeschichte, Kapitel 10, wo die religiöse Orientierung und Einstellung des Apostels Petrus ganz schön durchgeschüttelt wird. Kurz bevor er den ersten Nichtjuden tauft, erkennt der Jude Petrus etwas, das alle religiösen Schubladen zerschlägt. Er sagt: „Mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.“ (Apostelgeschichte 10,28). Dieser Satz zeigt: Jedes Menschenleben ist heilig. Niemand ist unrein, nicht koscher, nicht haram – wie das in den Sprachen der drei monotheistischen Religionen heißt. Liebe ist göttlich. In allen Farben. Geben wir daher dem Hass keinen Raum in unsrer Mitte.
Ihr Ronny Baier




