Wochenimpuls: Konrad Adenauer und Bruder Klaus

06.10.2026 |

Liebe Leserinnen und Leser,
während meines Sommerurlaubs feierte ich am 1. August in Flüeli, einem Ortsteil von Sachseln am Sarner See, den Festgottesdienst zum Schweizer Nationalfeiertag mit. Flüeli war der Wohn- und Lebensmittelpunkt von „Bruder Klaus“. 

Und dort stieß ich auch auf Konrad Adenauer, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahr begehen. Natürlich nicht in persona, aber in einem Bericht des einstigen Ortspfarrers von Sachseln. Danach ließ sich Konrad Adenauer Ende August 1955 während seines Schweizer Sommerurlaubs nachts zum Grab von „Bruder Klaus“ fahren. Wer war dieser „Bruder Klaus“ und was machte Adenauer bei Nacht an seinem Grab in Sachseln, am Sarner See?
Bruder Klaus, oder wie er offiziell heißt: Nikolaus von der Flüe, ist der Nationalheilige der Schweiz. Im Gegensatz zu Wilhelm Tell ist er eine reale Persönlichkeit und lebte im 15. Jahrhundert. Er war Soldat, Ratsherr seines Heimatkantons Obwalden, Richter seiner Gemeinde, aber vor allem ein Alpenbauer. Vieh, Familie – eine geliebte Frau und 10 Kinder – und ein stattlicher Hof. Soweit alles normal. 
Doch dann erfährt er eine Sinnkrise, verfällt in Depressionen, bis ihm eine innere Vision die Richtung weist. Bruder Klaus verlässt seine Familie, Hof und Vieh und siedelt um. Er wird Einsiedler. 
Einen Steinwurf vom Hof entfernt baut er in der Ranft-Schlucht an der Melchaa seine Einsiedlerzelle, die „Ranft“. Haus und Hof überschreibt er seinen Kindern und bleibt der Familie auch in seiner Einsiedlerzelle ein wichtiger Ratgeber. Aber nicht nur ihr. Bald schon zieht Bruder Klaus die Leute an. Er vermittelt zwischen den streitenden Parteien seiner Zeit. Sein Einfluss auf das Zusammengehen der „Eidgenossenschaft“ kann nicht groß genug geschätzt werden. 
Bis heute gilt Bruder Klaus als eine Art nationaler Nothelfer für die Schweiz. Mehr noch: Papst Pius XII. hat ihn 1947 heiliggesprochen, direkt nach den Schrecken des 2. Weltkriegs. Und diese Heiligsprechung machte Bruder Klaus schlagartig über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt.
Und das geschah nun genau zu der Zeit, da Adenauer Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde. Während seines ersten Schweiz-Urlaubs 1950 hörte Adenauer von diesem besonderen Einsiedler in der Ranft. Wer weiß, vielleicht war Adenauer auch deshalb von Bruder Klaus beeindruckt, weil er 1933 selbst fast wie ein Einsiedler im Kloster Maria Laach lebte, um sich dem Einfluss der Nazis zu entziehen. Oder weil Konrad Adenauer am Gedenktag des Bruder Klaus, dem 25. September, in seinem Versteck, der Nistermühle bei Hachenburg, von der Gestapo verhaftet wurde. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 lebte er hier unter dem Decknamen Dr. Weber bei der Müllerfamilie Roedig. Das Versteck wurde jedoch verraten und Konrad Adenauer in der Nacht des 25. September 1944 verhaftet und ins Gestapo Gefängnis nach Köln-Brauweiler verbracht.
Und schließlich war da 1955 auch noch die Sache mit den Kriegsgefangenen in „Moskau“. Hinter dem Eisernen Vorhang harrten noch immer Zehntausende Kriegsgefangene in der UDSSR aus. Adenauers Reise nach Moskau im September 1955 gilt als einer seiner größten politischen Leistungen. Dass Adenauer vor dieser Reise großen Respekt hatte, ist bekannt, weniger aber, dass der gläubige Katholik dafür auch religiöse Unterstützung annahm. So belegen Fotos und Augenzeugenberichte, dass Adenauer in Moskau die einzig verbliebene katholische Kirche aufsuchte (eine Polnische) und dort eine Stunde kniend betete. Und Adenauer wusste zudem: da gibt es eine Gruppe Männer aus der Erzdiözese Freiburg, die während der Zeit der Verhandlungen bei Bruder Klaus in der Ranft beim Gebet verweilt. Ob Adenauer tatsächlich kurz vor seiner Reise selbst bei Bruder Klaus um Fürsprache bat, das ist bis heute nicht eindeutig belegt: Wie gesagt: Der Ortspfarrer und Adenauers Fahrer haben das jedenfalls bezeugt. Klar ist jedenfalls: die 10.000 Kriegsgefangenen sind heimgekommen. Und als sie im Oktober 1955 heil im Lager Friedland ankamen, stimmten sie spontan den Choral „Nun danket alle Gott“ an. Egal, ob Bruder Klaus damals geholfen hat oder nicht, habe ich dort im Urlaub in der Ranft gebetet: Bruder Klaus, hilf Europa. Schütze unser gemeinsames Haus. Damit alle Menschen Brüder werden – und Schwestern – in Frieden. 
Übrigens: In der Fastenzeit 1955 fand die erste Gebetswache von Männern auf dem Lindenberg bei St. Peter im Schwarzwald statt. Und es waren Teilnehmer der ersten Gebetswachen dort, die Adenauer damals im Gebet begleiteten. Dieses Ereignis hat die Gebetswache auf dem Lindenberg stark geprägt. Und es ist schön, dass bis heute jedes Jahr Mitglieder unseres Männerkreises an der Gebetswache auf dem Lindenberg im Schwarzwald teilnehmen und  durch ihr Gebet ein Zeugnis des Glaubens geben sowie einen wichtigen  Dienst für den Frieden in der Welt leisten.
 
Ihr Ronny Baier